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Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach – was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne, ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe zügelte; denn trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind.

Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann – wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete, nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber Ausgang!

Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt. Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld sich auf Erden räche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war.

Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine Vornehmheit saß unter dem Kleide und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich, ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies war mir zugesichert.

Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle sprengen, wenn es reif geworden ist.

Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.

Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte, daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.

Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die Hand und sagte herzlich: