»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. – Doch ich komme wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«

Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.

»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.

»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«

Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine Stimmung tief herab.

Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.

Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.

Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden bezahlen.

»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.

Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe: