Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, Nacht und Schatten verbargen mich.
»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn lieb und war sein eigen.«
Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:
»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«
Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:
»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte – glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«
Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich, und sagte:
»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte, wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben. – Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«
Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.