»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich verraten.
»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹
»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«
Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme, blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick, las und senkte die Lider.
»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog an und fand, was ich nicht suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten – denn ich konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen – meine Blicke in die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen, ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure Gegenwart hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich, das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.«
Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine jämmerliche Schuld.
Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos, daß ich sie kaum erkannte.
»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals Ähnliches begegnet?«
»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes lächelnd, Jussuf.