Als Goethe im Alter die Lebensgeschichte des englischen Dichters Sterne las, fiel ihm darin der Ausdruck the ruling passion auf. Unter unsern Trieben reißt einer die Führung an sich und bestimmt dann vor den andern unser Handeln und Erleben. Menschen, die eigentlich die gleichen Anlagen haben, entwickeln sich sehr verschieden, je nach der Eigenschaft, die zur Herrschaft gelangt: im Ersten waltet der Ehrgeiz vor, im Zweiten die Vorsicht, im Dritten das Verlangen nach Genüssen, im Vierten der Drang zur Tätigkeit usw. Wenn wir die Summe von Goethes langem Leben ziehen, so müssen wir als sein größtes geistiges Bedürfnis: das Lernen nennen.

Zuerst zeigte sich dieser Trieb, wie bei uns allen, als kindliche Wißbegier und sehr bald auch als Stolz auf die zu Tage tretende große Begabung und seine ungewöhnlichen Kenntnisse. Zeitweilig erscheint der Jüngling als ein eingebildeter junger Gelehrter: man sieht ihn auf dem Wege zum hochberühmten Professor. Aber das vom Vater ihm auferlegte Fach sagte ihm wenig zu, und von sich aus erwählt er auch keine andere Wissenschaft mit Entschiedenheit. Sein Wissen und Können ist ein zerstreutes; er ist ein Liebhaber in allerlei Gebieten; den Doktorgrad, genauer den Lizentiatengrad, erwirbt er nur auf die bequemste Weise und ohne Ehre. Die gelehrten Pedanten haßt Jeder, der vor ihnen nicht bestehen kann; aber freilich hatte Goethe ein angeborenes Recht, sich für einen Besseren zu halten. Er ward sich des „Genies“ bewußt, eines höheren, wo nicht göttlichen Geistes, der kürzere oder längere Zeit bei oder in uns wohnt, uns ungewöhnliche, unbegreifliche Kräfte gibt und uns höhere Erkenntnisse vermittelt. Dies Genie braucht der damit Beglückte nur walten zu lassen; er braucht nur die Vorbedingungen zu schaffen, daß dieser Anhauch Gottes ungestört, ungehemmt stattfinden kann. Er wird also seine Kraft nicht verzehren, seinen Geist nicht verdummen mit beständigem Lesen und Schreiben.

Das Pergament, ist Das der heil’ge Bronnen,

Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?

Erquickung hast du nicht gewonnen,

Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

Es ist kein Zufall, daß gerade Goethe von allen Dichtern uns am eindringlichsten den Drang nach Erkenntnis vor die Sinne und Seele gebracht hat: Faust in den ersten Szenen des großen Dramas ist durch ihn die persönliche Gestaltung des stärksten und höchsten Lernenwollens geworden. Diesen faustischen Drang fühlte Goethe selber:

Daß ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau’ alle Wirkenskraft und Samen.