In seinen jüngeren Jahren nannten ihn die Leute oft ehrgeizig; aber was sie für Ehrgeiz hielten, war sein Bedürfnis, ein großes Stück Welt erkennend in sich aufzunehmen, es zu verarbeiten, es zu durchleuchten, sich mit der Welt zu vereinigen.

Sein Leben wurde freilich durchaus kein faustisches.

„Ich bin nur durch die Welt gerannt“ sagt Faust, auf Jahrzehnte zurückschauend;

Ich habe nur begehrt und nur vollbracht

Und abermals gewünscht und so mit Macht

Mein Leben durchgestürmt: erst groß und mächtig,

Nun aber geht es weise, geht bedächtig ...

Genie und Fleiß

Goethe resignierte schon in jungen Jahren. Er hatte zwar stets Ursache, das Genie zu verehren und die goldnen Gaben dankbar hinzunehmen, die den Sonntagskindern von oben zufallen; aber er ehrte auch den Fleiß und sammelte die Groschen und Pfennige, die die Tagesarbeit uns einbringt. Er hätte gern die höchsten Erkenntnisse vom Himmel heruntergeholt und mit Gott selber über die Geheimnisse der Schöpfung geredet; aber er begnügte sich und freute sich, wenn er die „Urphänomene“ fand, die Haupt- und Grunderscheinungen in allem Weltgeschehen, das Letzte, was vor Gott steht.

Durch sein ganzes Leben betrieb Goethe dies bewußte Lernen. „Die Sachen anzusehen, so gut wir können“ riet er schon bei Vollendung seines einundzwanzigsten Jahres einem noch jüngeren Bekannten, „sie in unser Gedächtnis schreiben, aufmerksam zu sein und keinen Tag, ohne etwas zu sammeln, vorbeigehen zu lassen. ... Dabei müssen wir nichts sein, sondern alles werden wollen.“