Und die gleiche Lernlust zeigt noch der Vierundsiebzigjährige, wenn er dem jungen Bonner Mineralogen Nöggerath bestellen läßt: „Wie gern durchzög’ ich die Eifel mit ihm zu klarem Schauen Dessen, was immer noch als Problem vor mir steht! Warum bin ich nicht mehr so leicht auf den Füßen als zur Zeit, wo ich die unnützen Reisen in die Schweiz tat, da man glaubte, es sei was Großes getan, wenn man Berge erklettert und angestaunt hätte!“
Goethe forschte und lernte bis zum letzten gesunden Tage; in seiner Arbeitsstube zeigt man heute noch ein Häufchen Gartenerde, das der Alte sich heraufholen ließ, um daran etwas Neues zu beobachten.
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Beständige Lernlust
Diese Lernlust zeigte sich namentlich als Aufmerksamkeit auf alles Belehrende. Die Aufmerksamkeit nannte Goethe „das Höchste aller Fertigkeiten und Tugenden“ und er meinte, Nichts sei so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln als Kenntnis und Wissen: „Die ganze Arbeit ist ruhig sein, und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben.“ Goethe ermahnte sich und Andere zwar immer wieder, nur an Dem Interesse zu nehmen, worin man praktisch etwas leisten könne, aber es lag doch in seiner innersten Natur, daß er an unzähligen Dingen der Welt teilnahm.
Da Goethe sich den Besuch so vieler Menschen gefallen lassen mußte, unter denen auch viele Unbeholfene waren, die von sich aus nichts Anregendes vorbrachten, so machte er es sich selber zur Regel, derartige Gäste als Lehrer oder Lehrmittel zu benutzen. Es kam etwa ein bayrischer Verwaltungsbeamter, um ihn anzuglotzen und nachher seine Bemerkungen über den berühmten Mann zu machen; Goethe zwang ihn, alle Einzelheiten des Feuerlöschwesens in seiner Heimat vorzutragen. Ein ander Mal erschien ein vornehmer Engländer, der früher Gouverneur von Jamaika gewesen war, Sir Michael Clare. Am Abend stand dann in seinem Tagebuche: „Sehr erfreut der Bekanntschaft mit Lord und Lady N. N.; sie gab mir erwünschte Gelegenheit, meine Kenntnisse der Zustände von Jamaika ziemlich vollständig zu rekapitulieren.“
Allerdings glückte dies Verfahren nicht immer. So wurde eines Tages Goethe von seinem Sohne gebeten, einen Jenaer Studenten namens Rumpf, den August vom Burgkeller her kannte, anzunehmen und auch zum Essen dazubehalten. Der junge Mann wurde freundlich empfangen. Er möge weiter erzählen:
Bald saß ich ihm in seinem einfachen Studierstübchen gegenüber, während er beschäftigt war, still ein mäßiges Blatt Papier zurechtzuschneiden, und betrachtete voll Aufmerksamkeit ihn selber, sowie seine Umgebung, seine Bücher und umherliegende Steine. August hatte mich sogleich verlassen und war zu den Hausgenossen gegangen.
So war ich mit Goethe ganz allein. Wie pries ich mich glücklich! Jetzt war er mit seinem Papierschneiden fertig und wandte sich zu mir: „Mein August schreibt mir, daß Sie ein Oldenburger wären?“
„Ein Oldenburger, Exzellenz.“