Ankämpfen gegen den Herzog
Tüchtige Menschen behalten, auch wenn sie ihrem Fürsten von Herzen ergeben sind, ihre eigene Ansicht der Dinge. Auch Goethe hat seinem Fürsten und Freunde unter vier Augen und in vertraulichen Briefen sehr oft deutlich widersprochen. „Mit dem Herzog gegessen“ heißt es am 19. Januar 1782 in seinem Tagebuche; „sehr ernstlich und stark über Ökonomie geredet und wider eine Anzahl falscher Ideen, die ihm nicht aus dem Kopfe wollen.“ Und ein andermal: „Conseil. Der Herzog zu viel gesprochen. Mit dem Herzog gegessen. Nach Tische einige Erklärungen über Zu-viel-reden fallen lassen, Sich-vergeben, Sachen in der Hitze zur Sprache bringen, die nicht geredet werden sollten. Auch über die militärischen Makkaronis [d. h. Liebe zu überflüssigem Militär].“ Oft kämpfte Goethe gegen des Herzogs Lust an Krieg und Soldaten, die so sehr ein Hemmnis für die Besserung der Staatsfinanzen war und den Fürsten seinem Lande zu entfremden drohte.
Die Kriegslust, die wie eine Art Krätze unsern Prinzen unter der Haut sitzt, fatigiert mich wie ein böser Traum, in dem man fort will und soll und einem die Füße versagen. Sie kommen mir wie solche Träumende vor, und mir ist es, als wenn ich mit ihnen träumte. Ich habe auf dieses Kapitel weder Barmherzigkeit, Anteil, noch Hoffnung und Schonung mehr.[10]
Goethes Briefe sind oft Meisterstücke feinster Diplomatie; seine Schreiben an Karl August zeigen, in welcher klugen Form er seinen Fürsten warnte, tadelte, ermahnte. Im Dezember 1784 war Karl August wieder einmal draußen im Reich; manche Leute daheim schalten laut über diese Reiselust, Goethe aber schreibt ihm, von sich selber redend, jedoch in Gedanken an des Fürsten Unruhe und Streben nach Neuem:
Mich heißt das Herz das Ende des Jahres in Sammlung zubringen. Ich vollende mancherlei im Tun und Lernen und bereite mir die Folge einer stillen Tätigkeit auf’s nächste Jahr vor und fürchte mich vor neuen Ideen, die außer dem Kreise meiner Bestimmung liegen. Ich habe deren so genug und zu viel; der Haushalt ist eng, und die Seele ist unersättlich.
Ich habe so oft bemerkt, daß, wenn man wieder nach Hause kommt, die Seele, statt sich nach dem Zustand, den man findet, einzuengen, lieber den Zustand zu der Weite, aus der man kömmt, ausdehnen möchte; und wenn Das nicht geht, so sucht man doch, soviel als möglich von neuen Ideen hereinzubringen und zu pfropfen, ohne gleich zu bemerken, ob sie auch hineingehen und passen oder nicht. Selbst in den letzten Zeiten, da ich doch jetzt selbst in der Fremde nur zu Hause bin, hab ich mich vor diesem Übel, oder wenn Sie wollen: vor dieser natürlichen Folge nicht ganz sichern können.
Es kostet mich mehr, mich zusammenzuhalten, als es scheint, und nur die Überzeugung der Notwendigkeit und des unfehlbaren Nutzens hat mich zu der passiven Diät bringen können, an der ich jetzo so fest hange.
Und als die Empörung der Untertanen über die vom Herzog am Ettersberge angesiedelten Wildschweine vorgetragen werden mußte, schrieb Goethe scharf und mild zugleich:
Auch die Jagdlust gönn’ ich Ihnen von Herzen und nähre die Hoffnung, daß Sie dagegen nach Ihrer Rückkunft die Ihrigen von der Sorge eines drohenden Übels befreien werden. Ich meine die wühlenden Bewohner des Ettersbergs. Ungern erwähn’ ich dieser Tiere, weil ich gleich anfangs gegen deren Einquartierung protestiert und es einer Rechthaberei ähnlich sehn könnte, daß ich nun wieder gegen sie zu Felde ziehe. Nur die allgemeine Aufforderung kann mich bewegen, ein fast gelobtes Stillschweigen zu brechen, und ich schreibe lieber, denn es wird eine der ersten Sachen sein, die Ihnen bei Ihrer Rückkunft vorgebracht werden. Von dem Schaden selbst und dem Verhältnis einer solchen Herde zu unsrer Gegend sag’ ich nichts; ich rede nur von dem Eindrucke, den es auf die Menschen macht. Noch habe ich nichts so allgemein mißbilligen sehn; es ist darüber nur eine Stimme. Gutsbesitzer, Pächter, Untertanen, Dienerschaft, die Jägerei selbst: Alles vereinigt sich in dem Wunsche, diese Gäste vertilgt zu sehn. Von der Regierung zu Erfurt ist ein Kommunikat deswegen an die unsrige ergangen.
Was mir dabei aufgefallen ist und was ich Ihnen gern sage, sind die Gesinnungen der Menschen gegen Sie, die sich dabei offenbaren. Die Meisten sind nur wie erstaunt, als wenn die Tiere wie Hagel vom Himmel fielen; die Menge schreibt Ihnen nicht das Übel zu; Andre gleichsam nur ungern, und Alle vereinigen sich darinne, daß die Schuld an Denen liege, die, statt Vorstellungen dagegen zu machen, Sie durch gefälliges Vorspiegeln verhinderten, das Unheil, das dadurch angerichtet werde, einzusehn. Niemand kann sich denken, daß Sie durch eine Leidenschaft in einen solchen Irrtum geführt werden könnten, um etwas zu beschließen und vorzunehmen, was Ihrer übrigen Denkens- und Handelnsart, Ihren bekannten Absichten und Wünschen geradezu widerspricht.