Der Landkommissär hat mir gerade in’s Gesicht gesagt, daß es unmöglich sei, und ich glaube, er hätte mir die Existenz dieser Kreaturen völlig geleugnet, wenn sie ihm nicht bei Lützendorf eine Reihe frisch gesetzter Bäume gleich die Nacht drauf zusamt den Pfählen ausgehoben und umgelegt hätten.
Könnten meine Wünsche erfüllt werden, so würden diese Erbfeinde der Kultur ohne Jagdgeräusch, in der Stille, nach und nach der Tafel aufgeopfert, daß mit der zurückkehrenden Frühlingssonne die Umwohner des Ettersbergs wieder mit frohem Gemüt ihre Felder ansehen könnten.
Man beschreibt den Zustand des Landmanns kläglich, und er ist’s gewiß: mit welchen Übeln hat er zu kämpfen! Ich mag nichts hinzusetzen, was Sie selbst wissen. Ich habe Sie so Manchem entsagen sehn und hoffe, Sie werden mit dieser Leidenschaft den Ihrigen ein Neujahrsgeschenk machen, und halte mir für die Beunruhigung des Gemüts, die mir die Kolonie seit ihrer Entstehung verursacht, nur den Schädel der gemeinsamen Mutter des verhaßten Geschlechtes aus, um ihn in meinem Kabinette mit doppelter Freude aufzustellen.
Möge das Blatt, was ich eben endige, Ihnen zur guten Stunde in die Hand kommen![11]
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Mahnungen an den Herzog
In seinem Amtsbereiche war Goethe immer sehr unabhängig, ja zuweilen selbstherrlich. Als er in Jena ein Stück der alten Stadtmauer fortreißen ließ, um gegen die Feuchtigkeit der Bibliothek das Nötige zu tun, schickte die Stadtverwaltung an den Herzog eine Deputation mit der untertänigen Bitte, daß es doch Seiner Hoheit gefallen möge, durch ein Machtwort diesem Beginnen ein Ende zu setzen. „Ich mische mich nicht in Goethes Angelegenheiten“ erwiderte der Herzog. „Er weiß schon, was er zu tun hat, und muß sehen, wie er zurechtkommt. – Geht doch hin und sagt es ihm selbst, wenn ihr Courage habt!“ Und wenn es sich um Theatersachen handelte, ärgerte sich der Herzog selber oft genug über seines Untergebenen „Tyrannei“ und „Herrschsucht“. In Weimar war man der Ansicht, daß Goethes Wille von Niemand zu lenken sei; man erzählte sich zum Beispiel von einem Gespräche über die Berufung eines Professors nach Jena, wo der Fürst seine Wahl gegen Goethe verteidigte oder durchzusetzen suchte. „Du bist ein närrischer Kerl“ rief Karl August schließlich; „Du kannst keinen Widerspruch vertragen.“ – „O ja“, versetzte Goethe, „aber er muß verständig sein.“
[8] Karl v. Lyncker, Am weimarischen Hofe.
[9] Eckermann, der diese Worte berichtet, war auf die Gnade des weimarischen Hofes angewiesen; er übertrieb wohl zuweilen Goethes Lob der fürstlichen Familie. Man kann von Karl August sehr viel Rühmliches sagen, aber nicht wohl behaupten, daß er immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber gedacht habe.
[10] An Knebel, 2. April 1785.