Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,
So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Manchmal stellte er die „kleinen Leute“ geradezu über die Großen: wenn er erwog, daß sie die allgemeinen Ernährer sind, oder wenn er ihre Hülfsbereitschaft sah. Als es im Juni 1774 in der Frankfurter Judengasse brannte und auch Goethe „seinen Tropfen Wasser geschleppt“ hatte, bekannte er im nächsten Briefe an Schönborn: „Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder näher kennen gelernt und bin aber- und abermal vergewissert worden, daß Das doch die besten Menschen sind.“
Auch als Weisheitslehrer nahm er Leute „aus dem Volke“ oft an, und dabei meinte er nicht nur den Spruchschatz, den sie von den Vätern her in ihren Reden zum Vorschein bringen, sondern ihre eigenen, erworbenen und bewußten Erfahrungen. 1785 schrieb er seiner Freundin Charlotte v. Stein über einen Buchbinder, der ihm seine Handschrift von ‚Wilhelm Meisters theatralischer Sendung‘ vor seinen Augen zusammenheften mußte: „Unter der Arbeit erzählte er mir seine Geschichte und sprach über sein Leben; jedes Wort, das er sagte, war so schwer wie Gold, und ich verweise Dich auf ein Dutzend Lavaterischer Pleonasmen, um Dir die Ehrfurcht auszudrücken, die ich für den Menschen empfand.“ In späteren Jahren nannte er in einem Aufsatze neben dem hochberühmten Geschichtsschreiber und Philosophen Plutarch den gothaischen Schuhmacher Steube als einen Zeugen für die göttliche Leitung des Menschenlebens. Und von drei andern Kleinen gab er die von ihnen niedergeschriebenen Erinnerungen heraus und leitete sie mit eigenen Betrachtungen ein: von dem Bibliotheksdiener Sachse, dem Gastwirt, früheren Diener, Soldaten und Barbierlehrling Mämpel und einem ungenannten Elsässer, der als Landmann zu Napoleons Truppen gepreßt wurde und in Spanien Mämpels Kriegskamerad war.
Wegen seiner Sammlungen hatte Goethe oft mit schlichten Handwerkern zu tun, die sich durch ihre Kenntnisse auszeichneten. Sehr auffällig war sein Besuch bei Karl Huß in Eger und daß er sogar an dieses Mannes Tische aß, denn Huß war von Beruf Scharfrichter und also nach der Auffassung jener Zeit „unehrlich.“
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Der Wert der Armen
Den ihm unterstellten Beamten gönnte Goethe ziemlichen Ellbogenraum. „Ich suche jeden Untergebenen frei im gemessenen Kreise sich bewegen zu lassen, damit er auch fühle, daß er ein Mensch sei. Es kommt alles auf den Geist an, den man einem öffentlichen Wesen einhaucht.“ Er wünschte, daß auch jeder Diener seine Besorgung für recht wichtig ansehe. Und wie er selber Tagebuch führte, mußten auch die bei den Bibliotheken in Weimar und Jena Angestellten sauber geschriebene Tagebücher halten, worin Witterung, Besuche, Eingänge und Vorgänge jeder Art sowie das an jedem Tage Geleistete aufgezeichnet wurden. „So wird den Leuten erst lieb, was sie treiben, wenn sie es stets mit einer gewissen Wichtigkeit anzusehen gewohnt werden, stets in gespannter Aufmerksamkeit auch auf das Kleinste bleiben.“ Goethe ließ sich diese Tagebücher aus Jena regelmäßig senden und freute sich herzlich, wenn sie ihm die Überzeugung gaben, „daß die sämtlichen Verfasser bei Fortsetzung derselben sich zu eigener Satisfaktion, zu pflichtmäßiger Beruhigung und Legitimation arbeiten.“
„Das ist ein prächtiger Herr“ urteilte der jenaische Hofgärtner, als man ihn im Frühjahr 1820 nach Goethe fragte. „Den schätz’ ich am höchsten – Das heißt, nächst dem lieben Gott – und wer ihn kennt und ihn nicht schätzt, Das ist kein christlicher Mensch, und Das will ich Jedem in’s Gesicht sagen. Und sehen Sie, er ist so ein christlicher Herr; er läßt mit sich reden, denn er denkt: leben und leben lassen!“
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