Die allergewöhnlichste Unterhaltung, der Klatsch, beschäftigte auch im klassischen Weimar viele Zungen. Goethe stand von jeher abgesondert und hatte den Kopf voll von höheren Dingen; er erfuhr nur selten, was über ihn und die Seinen gesprochen wurde, und nahm auch an dem allgemeinen Hin und Her der höfischen und städtischen Tagesgeschichte nur selten teil. Zuweilen merkte er dann, daß seine „fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen“ für einen Staatsdiener doch nicht ganz ratsam war. „Ich bin nicht zu dieser Welt gemacht“ schrieb er dann in sein Tagebuch; „wie man aus seinem Haus tritt, geht man auf lauter Kot, und weil ich mich nicht um Lumperei kümmere, nicht klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft dumm.“
Nun sind hübsche Geschichten nur um so anschaulicher, wenn sie in unserer Nähe spielen und unsere Bekannten betreffen. Solche Geschichten hat auch Goethe gern angehört und selber erzählt. In seinem Alter ließ er sich von dem trocken-witzigen Heinrich Meyer gern Dergleichen mitteilen; namentlich hörte er von seiner Schwiegertochter Ottilie und ihrer Schwester Ulrike gern „neuerliche frauenzimmerliche Vorkommnisse“ oder Nachrichten von den fürstlichen Personen. „Ottilie, von Belvedere kommend, den Hofzustand schildernd, mit Neigung, wie ich’s liebe“; so lesen wir einmal im Tagebuch von 1831, und ein andermal: „Mittag Ottilie, allen Stadtklatsch durchgearbeitet, wobei denn gar hübsche novellenartige Verhältnisse zum Vorschein kamen.“
Mißreden und Ausfragen
Ganz anders aber stellte er sich, wenn die Erzähler nicht so gutartig waren, wenn sie ihre Neigung zu Witz und Spott oder gar ihren Haß an den gemeinsamen Bekannten ausließen. Als der Kanzler ihm einmal einen bösen Witz Riemers erzählte, fuhr er auf: „Durch solche böswilligen und indiskreten Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune und Existenz sich selbst! Ich wollte mich doch lieber aufhängen, als ewig negieren, ewig in der Opposition sein, ewig schußfertig auf die Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn Ihr so etwas billigen könnt!“ Noch deutlicher wurde er einmal, als Jenny v. Pappenheim bei ihm zu Tische war und eine Klatscherei zum Vorschein kam. „Euren Schmutz kehrt bei Euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir in’s Haus!“ rief er mit dröhnender Stimme. In größerer Gesellschaft sprach er lieber über Menschen früherer Jahrhunderte und ferner Länder als über die Nachbarn und Freunde.
Wir wissen schon, daß sich Goethe nicht ausforschen ließ. Der Alte hat mit Eckermann absichtlich Ausfrage-Gespräche geführt, aber da war er der Herr und Lenker, und der bescheidene Eckermann stellte nur willkommene Fragen. Kam aber Jemand, der ihn überlisten wollte, so fand er in Goethe seinen Meister. Heinrich Luden wollte, als der ‚Faust‘ erst halb fertig vorlag, über den Fortgang und die Grundgedanken des Werkes gern Offenbarungen haben; Goethe sprach auch recht lange und eingehend mit ihm; das Gespräch füllt vierunddreißig Druckseiten, aber wohl offenbart Luden darin Alles, was er über den ‚Faust‘ weiß und denkt, Goethe jedoch sagt so gut wie nichts. Jean Paul wollte einmal hören, was Goethe über ihn selber denke, wie hoch er seine humoristischen Werke bewerte. Er fragte nicht geradezu, sondern redete über seine Berufsverwandten Sterne, Hippel usw., in der Hoffnung, daß Goethe nun sagen sollte, er, Jean Paul, übertreffe sie doch alle. Aber das Gespräch ward ein Schachspiel, in dem Goethe immer Züge tat, die sein Gegner nicht erwartete, bis sich Jean Paul endlich schachmatt nach Hause begeben mußte. „Einen durchtriebeneren Schalk gibt es auf Erden nicht wie den Goethe“ schreibt Karoline Schlegel über dies Gespräch an Wilhelm Schlegel.
Für ungut aber nahm es Goethe, wenn ihn Jemand durch das Gespräch in eine gemütliche, offenherzige Stimmung bringen wollte, wie Mancher wohl fleißig Wein einschenkt, damit der Andere sein Herz offenbare. „Todfeindschaft kann daraus entstehen“ sagte Goethe einmal bei Tische, „wenn man es tut und sich gegen mich berühmt, daß man mich auf meine Schnurre gebracht habe, sobald ich mit Gutmütigkeit mich geäußert und gehen gelassen habe. Weil es eine falsche Superiorität des Andern und eine Gemütlosigkeit verrät!“
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Liebste Geselligkeit
Auch insofern verkaufte sich Goethe nicht der Geselligkeit, als er sich seine Arbeitszeit nicht verkürzen ließ. Wohl wissen wir von vergnügten Abenden, die bis in die Nacht reichten; aber es sind für Goethes viele Lebenstage doch nur wenige. Die Regel: „früh zu Bett und früh heraus“ hat er nur selten durchbrochen. Die ihm zusagende Geselligkeit war: nach einem langen, arbeitsreichen Vormittage ein fröhliches Mittagessen mit Gästen, danach Plauderstunden mit Solchen, die sein geistiges Leben teilten oder bereicherten. Der jüngere Voß hat uns die lebendigsten Schilderungen aus jener Zeit um die Jahrhundertwende gegeben, wo die Schauspieler und Schauspielerinnen durch Christiane mehr in’s Haus kamen als früher und später.
Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu geben mit den Worten: „Schick’s weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie, und Diese ihrem Nachbar, und so ging’s weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den Worten: „schick’s weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich, weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenn’s nicht so herum will, muß es retour gehen“, läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß und so geht’s fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.