Auch Goethes Abende zeichnet uns Heinrich Voß:

Wenn es Sechs schlägt, so versammelt sich ein kleines Häufchen um ihn, außer mir noch Professor Meyer, Fernow und Riemer, und da bleiben wir dann bis Acht, Neun oder auch wohl bis Zehn ...

Weil er nie ernstlich des Abends arbeitet und seine Augen das Lesen bei Licht nicht vertragen, so hat er gerne Jemand bei sich, mit dem er sprechen kann. Nie ist der Mann liebenswürdiger als in solchen Abendstunden. Dann sitzt er im tiefsten Negligee, in einem wollenen Jäckchen, ohne Halstuch, mit bloßer Brust, die Strümpfe über die Hosen gezogen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder läßt sich vorlesen. Und diese Bequemlichkeit, die Abendstille und die Ruhe nach schwerem Tagesgeschäft machen ihn so überaus heiter und gesprächig ... Wenn er dann recht lebendig ist, so kann er auf dem Sofa nicht aushalten; dann springt er auf und geht hastig im Zimmer auf und nieder, und jede Gestikulation, ihm selbst unbewußt, wird zur lebendigsten Sprache. Ja, dieser Mann spricht nicht bloß mit dem Organ der Zunge, sondern zugleich mit hundert andern, die bei gewöhnlichen Menschen stumm sind; und aus seinen Augen strahlt das seelenvollste Feuer. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren. Besonders gern erzählt er dann von seinem Leben, nie aber etwas Anderes als heitere Dinge. So hat er, obgleich ich ihn mehrmals darauf lenkte, nie umständlich von seiner Krankheit vor drei Jahren gesprochen, und was er davon erzählte, waren auch nur die heitern Zeiten der Krankheit.

Ähnlich erzählt die Malerin Luise Seidler von 1810, wo Frau Christiane und ihre Gesellschafterin, Fräulein Ulrich, noch fröhlich das Leben genossen.

Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen, deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren – denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen – blieben sitzen; auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgend einen bestimmten Gegenstand, an welchen er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte, z. B. einen bronzenen Moses von Michel Angelo ... Unter diesen interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert; auch der Burgunder fehlte nicht.

Alle Besucher, die an Goethes Mahlzeiten teilnehmen durften, rühmten noch lange über die guten Speisen die sehr angenehme Unterhaltung; sie empfanden es als ehrende Liebenswürdigkeit, wie Goethe auch um ihr geistiges Genießen bei der Tafel und nach der Tafel besorgt war. „Die Unterhaltung war eine allgemeine, lebendige und nie stockende, Goethe leitete sie meisterhaft“ ist das Zeugnis Zahns (1827), und Ernst Förster berichtet von 1825: „Es schien bei ihm Bedürfnis, dem Besuchenden entweder eine Freude zu machen, oder einen womöglich sichtbaren Stoff der Unterhaltung zu bieten“; in seinem Falle hatte Goethe eine Anzahl sehr kunstreicher Papier-Schattenbilder von der Hand der Adele Schopenhauer bereit gelegt und ging sie einzeln unter Beachtung jeder Kleinigkeit mit ihn durch.

Förster erwähnt auch eine anmutige Tafelsitte, die man an festlichen Tagen der Mitwirkung Eberweins verdankte:

Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang ... Nach dem Dessert setzte sich Hummel an’s Instrument und gab dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen glänzenden Schluß.

[14] Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.

[15] Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.