VIII.
Freundschaft.

Schon das Wohlgefallen an der äußeren Erscheinung eines neuen Bekannten, an seiner Stimme und Sprache, seinen Gebärden, Bewegungen und Sitten, erweckt in uns eine Zuneigung, die der Liebe zwischen Mann und Weib verwandt ist. Solche Anziehung übten auf den jüngeren Goethe z. B. Fritz Jacobi, Lavater und Herder aus, schöne Männer, die höchst liebenswürdig sein konnten. Und in älteren Jahren wirkte mancher Aristokrat ähnlich, mit dem ihn die Geselligkeit am weimarischen Hofe oder in böhmischen Bädern zusammenführte.

Häufiger vermitteln gleiche Beschäftigung, Neigung zu den gleichen Wissenschaften oder Künsten oder auch nur gleicher Zeitvertreib eine Befreundung; da Goethe nicht wenige Steckenpferde hatte, so gewann er gar viele Freunde und Halbfreunde dieser Art.

Ähnliche Gesinnung in den Hauptpunkten ist stets Voraussetzung eines engeren Verhältnisses, namentlich wenn man am selben Orte wohnt oder sonst häufig zusammenkommt. Ein solcher Hauptpunkt ist immer die Religion; seit Beginn der französischen Umwälzung wurde aber auch in Deutschland die politische Parteinahme eine Ursache vieler Vereinigungen und Trennungen. Goethe zog sich damals von den „Neufranken“ und für alle Zukunft von den Demokratisch-gesinnten zurück oder hielt sie sich doch so fern wie möglich, nicht etwa aus Rücksicht auf seine Stellung zum Hofe oder Staate, denn sein Landesfürst verlangte dergleichen Vorsicht keineswegs und übte sie selber nicht, sondern weil ihm selber die auf Umsturz und Massenherrschaft gerichteten Bestrebungen peinlich waren, so daß er nicht ohne Not daran erinnert werden mochte.

Leicht und gleichsam ohne Worte verstehen wir uns mit Denen, die ungefähr denselben Lebensweg wie wir gemacht und daher ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Also mit Landsleuten, Altersgenossen, Berufsgenossen, namentlich aber mit Schicksalsgenossen. Goethe war von seinem 26. Jahre an in den Kreisen, in denen er lebte, ein parvenu – er nannte sich selber so – und vielleicht finden wir deshalb auch unter seinen Bekannten und Freunden recht viele Emporkömmlinge. Freilich war ja auch bei ihnen das Aufsteigen ein Beweis ihrer Gaben und Kräfte. Schiller, der Kanzler v. Müller und der französische Diplomat v. Reinhardt waren, wie Goethe, auf Grund ihrer Tüchtigkeit und vornehmen Haltung in den Adelsstand erhoben worden; der ehemalige schwäbische Theologe Reinhardt ward später sogar Graf und Pair von Frankreich. Andere, die nicht ganz so hoch stiegen, hatten ihre Laufbahn auch noch tiefer begonnen. Oeser war der uneheliche Sohn eines Handschuhmachers in Preßburg. Jung-Stilling war Schneider gewesen, Moritz Hutmacherlehrling. Wilhelm Tischbein kam aus dem Hause eines hessischen Dorfdrechslers. Fernow nannte einen uckermärkischen Gutsknecht seinen Vater. Christoph Bode weidete als Sohn eines braunschweigischen Ziegelarbeiters das Vieh für die Bauern, bis er zu einem Stadtmusikus in die Lehre kam. Zelter mußte als Sohn eines Berliner Maurermeisters das väterliche Handwerk erlernen und ausüben. Und der Hausiererssohn Eckermann aus Winsen an der Luhe half wie andere ärmste Landjungen am Erwerb des Nötigsten mit: durch Schilfschneiden, Ährenlesen, Reisigsammeln und Hüten der Kühe für reichere Leute, denn seine Eltern besaßen nur eine Kuh. Diese Emporgestiegenen verrieten zuweilen ihre gröbere Erziehung; z. B. Zelter war „ein Kerl, der in die Stube spuckt“; Goethe sah darüber hinweg und freute sich der Kernhaftigkeit solcher selbstgemachten Männer. Er bewunderte ja auch Napoleon unter allen Herrschern am meisten und freute sich, daß gerade Dieser ihn bemerkte und ehrte, als die Kaiser und Könige „von Gottes Gnaden“ sein Dasein noch nicht beachtet hatten.

Ursachen der Freundschaft

Die eigentliche Grundlage aller dauerhaften Freundschaft ist aber nicht das Gefallen, Anerkennen, Verstehen, sondern das gegenseitige Nützen und Unterstützen. Der Freund muß uns irgendwie ergänzen und daher uns durch seinen Anschluß bereichern; er muß für sein Geben aber auch von uns empfangen können; das Bündnis muß Beiden förderlich sein. Bei Goethes wichtigsten Freundschaften: mit Karl August, Knebel, Schiller, Zelter und Heinrich Meyer, erkennen wir diesen gegenseitigen Nutzen. Daraus folgt keineswegs, daß solche Bündnisse aus Eigennutz geschlossen wurden; die Liebe Goethes zu Karl August war zuerst eine Fürsorge des Älteren für den jüngeren Schutzbedürftigen; ebenso behielt Knebel durch seine seelischen Nöte Macht über den Dichter von ‚Werthers Leiden‘; ebenso Moritz in Rom und mancher Andere. Auch Schiller, Zelter, Heinrich Meyer bedurften seiner Hilfe, als er sie kennen lernte.

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Schiller