Bei so geringer natürlicher Anziehung können nur zwei sehr kluge Menschen Freundschaft miteinander halten; aber das Verhältnis zwischen Schiller und Goethe wurde mit jedem Jahre herzlicher und brüderlicher: weil gegenseitige Hilfe und Treue auch Liebe erweckt, bewähren sich doch die Verstandesehen nicht schlechter als die Liebesheiraten! Der Gedankenaustausch, die gegenseitige Prüfung und Steigerung durch Briefe und Gespräche über die nächsten Arbeiten, die gemeinschaftliche Einwirkung auf das Publikum durch Zeitschriften, die gemeinschaftliche Verbesserung des weimarischen Theaters, die Abwehr der Gegner: Das blieb die Hauptsache. Aber dabei wurde Schiller in Goethes und Goethe in Schillers Hause heimisch, und die Freunde erlebten alle menschlichen und häuslichen Freuden und Sorgen miteinander. Wie lieb Goethe den spätgefundenen Freund schließlich hatte, lesen wir am schönsten aus den Berichten des jungen Voß vom Mai 1805.

In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich erzählte ihm Vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich, und der Mensch wenig!“ Das war Alles, was er sagte, und wenige Augenblicke nachher sprach er von heiteren Dingen.

Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Meyer war bei Goethen, als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht entgehen kann – alles Dieses läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. Ich merke es, sagte er endlich, Schiller muß sehr krank sein, und ist die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der Nachdruck, den er auf das sehr legt, wirkt so heftig auf Jene, daß sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie laut an zu schluchzen.

„Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. – „Sie haben es selbst ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. –

Um 10 Uhr sehe ich Goethe im Park gehen; ich hatte aber nicht den Mut, ihm zu begegnen. Drei Tage lang bin ich ihm ausgewichen. – – –

Jetzt spricht Goethe sehr selten von Schiller, und wenn er es tut, so sucht er die heiteren Seiten ihres schönen Zusammenlebens auf.

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Bewahrung alter Freundschaften

Goethe war sich bewußt, daß lang andauernde Freundschaften zeitweilig ruhen müssen. Wir dürfen es nicht verübeln, sondern müssen geradezu erwarten, daß der Andre sich zeitweilig von uns entfernt und neue Menschen genießt. Wer eine beständig gleichmäßige Freundschaft fordert, zerstört eben dadurch die Fortdauer des guten Verhältnisses. Wieland und Goethe standen miteinander zeitlebens gut, seitdem sie sich von Angesicht kannten, d. h. von 1775 bis 1813, aber der anfängliche tägliche und brüderliche Verkehr ward bald viel seltener; Goethe mußte sich gefallen lassen, daß sich Wieland mehr an Herder anschloß, und ebenso Wieland, daß sich Goethe und Schiller beinahe gegen alle Welt verbündeten. Dies Abnehmen und Zunehmen der Freundschaft soll man erwarten. „Wer sich nähert, Den stoßt nicht zurück“ riet Goethe seiner Frau und seinem Sohne, „und wer sich entfernt, Den haltet nicht auf, und wer wiederkommt, Den nehmt auf, als wenn er nicht weg gewesen wäre.“

Auch als Goethe und Schiller Freunde waren, gab es Wochen, wo sie einander mieden, weil sie sich nicht einig fühlten. Und ebenso gab es Zeiten, wo Goethe und Karl August miteinander diplomatisch „wie zwei Großmächte“ verkehrten. Sein gutes Verhältnis mit Fritz Jacobi, der in der Weltanschauung zu ganz andern Sätzen kam, konnte Goethe bis zu Jacobis Tode nur dadurch erhalten, daß sie jahrelang die Aussprache unterließen und geduldig die Gelegenheiten abwarteten, wo sie einander wieder Liebes erweisen konnten. Aus solchen Erfahrungen schrieb Goethe 1827 nach einer Meinungsverschiedenheit an seinen Verleger Cotta: