Ich habe, wenn zwischen Freunden, notwendig Verwandten und Verbundenen sich einige Differenz hervortat, immer lieber geschwiegen als erwidert; denn in solchen Fällen bleibt ein Jeder doch einigermaßen auf seinem Sinn, und so entstehen aus gewechselten Äußerungen neue Differenzen, und die Mißverständnisse verwickeln sich, anstatt sich aufzuklären. Dagegen habe ich gefunden: die Zeit sei die eigentlichste Vermittlerin; in derselben entwickeln sich Handlungen, die einzige Sprache, die zwischen Freunden giltig ist, um das wahre Verhältnis auszudrücken.

Die frühen Jugendfreundschaften kann man wie eine erste Liebe in ihrer Schönheit nur erhalten, wenn man sie gänzlich im Erinnerungsleben beläßt. 1824 war von Goethes Landsmann Klinger die Rede, der in Rußland zu hohem Ansehen gestiegen war; er hatte sich kürzlich als ein guter Freund Goethes bewiesen; trotzdem sagte Dieser:

Alte Freunde muß man nicht wiedersehen. Man versteht sich nicht mehr mit ihnen; Jeder hat eine andere Sprache bekommen. Wem es ernst um seine innere Kultur ist, hüte sich davor! Denn der alsdann hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken, und man trübt sich das reine Bild des früheren Verhältnisses.

Zerstörte Freundschaften

Von drei Jugendfreunden, die er sehr geliebt hatte, wandte sich Goethe mit stillem Kummer und Zorn allmählich ab: von Merck, Lavater und Herder. Mit Lavater hatte er sich verbrüdert, als er selber zum Pietismus neigte; was bei Goethe nur ein anfänglicher Entwicklungszustand war, blieb Lavaters Natur bis ans Ende. Deswegen hätten sie nun wohl Freunde bleiben können, zumal bei der großen Entfernung zwischen Zürich und Weimar, vertrug und verstand sich doch Goethe auch mit manchem gläubigen Katholiken! Aber Lavater, der sonst von Herzen Gütige, verkündigte seinen Glauben mit solcher Inbrunst, daß er gegen Andersdenkende ungerecht und beleidigend wurde; Goethe warnte ihn schon 1779, als man eine Zusammenkunft plante, in seiner feinen Weise vor dieser Untugend, indem er bat, „daß wir einander unsere Partikular-Religionen ungehudelt lassen; Du bist gut darinne, aber ich bin manchmal hart und unhold.“ Lavater hielt jedoch nicht Ruhe und wurde überlästig wie jeder Freund, der einen allein-seligmachenden Glauben zu haben meint und uns nun mit Gewalt in seinen Himmel führen möchte. Schlimm war auch, daß Lavaters Glaubenslust an den Mysterien des Neuen Testaments noch nicht satt wurde, sondern auch alle Wundertaten Gaßners, Kaufmanns, Cagliostros und anderer Schwindler oder Halbschwindler gläubig aufnahm und weiter verkündete. Dadurch kam er schließlich in Verdacht, es selber mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen. Jedenfalls mochte Goethe, dem die Wahrhaftigkeit das erste und vornehmste Gebot war, nicht mit Phantasten und Betrügern freundschaftlich verbunden sein.

Merck war ein ganz anderer Geist; ihn betrog Niemand; er sah und sagte die verdrießlichen Wahrheiten und öffnete seinem jungen Freunde Goethe mehr als einmal die Augen. Da es ihm selber nicht gut ging, tröstete und erfreute er sich an der Beobachtung der Schwächen seiner Mitmenschen, am Aufdecken ihrer Blößen. Er ward mit der Zeit ein halber Mephistopheles: Gemüt und Gewissen schrumpften ein, weil Verstand, Witz, scharfer Blick, kluge Kenntnis der Welt die Übermacht gewannen. So schrieb er nach Weimar an den Herzog und seine Mutter sehr unterhaltende Briefe, in denen er über alles Närrische, Kranke, Schlimme im Darmstädtischen und in der Nachbarschaft am Rhein und Main berichtete und spottete; die Empfänger lasen Dergleichen mit Vergnügen und sogar mit Belehrung, aber Goethe erinnerte sich, daß der Briefschreiber im Dienst des Landgrafen von Darmstadt stand, daß er also treulos und verräterisch gegen seine Ernährer und Ortsfreunde handelte. Und Goethe war sich bewußt, daß alle menschliche Gesellschaft und Behaglichkeit auf gegenseitiges Wohlwollen, Dulden und Tragen angewiesen ist; der rücksichtslose Fehlerfinder ist ein Feind der Gesellschaft: wer mag ihm nahe bleiben?

Seltsamer Weise trug auch der erste christliche Geistliche in Weimar, Herder, neben dem faustischen einen Mephistopheles-Geist in sich. Er war ein Unzufriedener wie Merck und ergrimmte oft über Diejenigen, die ihm oder seinem Amte nicht so viel Gehör, Macht und Einfluß gewährten, wie er fordern zu dürfen glaubte. Goethe war viele Jahre sein Freund und Bewunderer, wie denn Herder immer Männer und Frauen um sich hatte, die ihn verehrten; Goethe ertrug viele Jahre Herders Fehler und hätte gern die alte Freundschaft dadurch aufrecht erhalten, daß er den Verkehr und die Berührungspunkte verminderte. In diesem Sinne schrieb er einmal an Herders ältesten Sohn, damit es die Eltern bedächten:

Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur von einer Seite verbänden, von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen, so würden die Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochener sein. Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen, daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein, solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns dann eine Zeitlang täuschen, das aber nicht lange dauern kann.

Leider wurde oder blieb der „Töpferberg“, wo Herder hinter der Stadtkirche seine Amtswohnung hatte, eine Stätte des Grolls, von wo bald gegen Goethe und Schiller, bald gegen den Herzog und seine Minister, bald gegen den ehemaligen Lehrer Immanuel Kant Blitze geschleudert wurden, die nicht töteten, nicht lähmten, aber doch ärgerten. Goethe und Herder begegneten sich selten; wenn es geschah, fühlten sie sich zuweilen einig wie sonst, bis irgend eine Bemerkung offenbarte, wie fern und feindlich sie jetzt standen. In seinen ‚Annalen‘ von 1803 zeigt Goethe das Gift, das diese Freundschaft mit Herder zerstörte:

Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte ich mich von ihm zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm, ohne sich seiner Milde zu erfreuen; man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein. Wie leicht ist es, Irgendjemand zu kränken oder zu betrüben, wenn man ihn in heitern, offenen Augenblicken an eigne Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder, seiner Zustände, seiner Wohnung mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort erinnert!