**
*

Ungleiche Meinung, gemeinsames Handeln

Goethe war zart und behutsam gegen seine Freunde, schonte ihre empfindlichen Stellen, wie er die seinen geschützt zu sehen wünschte, behinderte ihre Freiheit nicht, weil er selber frei sein wollte. Und er erwartete nicht zu viel von der Freundschaft: sie ist ein köstliches Glas, das uns erhalten bleibt, wenn wir es schonen und behüten. Goethes vorsichtiges Schonen der Freundschaft zeigt uns Riemers Mitteilung, daß Goethe über die Personen, die er liebte, nicht urteilen wollte. „Ich denke nicht über sie“ sagte er, wenn man ihm von ihren Eigenheiten und Fehlern etwas vorreden wollte.

Namentlich aber wußte er, daß wir die Freundschaften erhalten können, wenn wir, statt auf Gleichheit der Meinungen zu drängen, uns gegenseitig in der Arbeit und in der Ausbildung unseres Wesens nützen.

Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu pflegen, finde ich darin, daß man sich wechselweise mitteile, was man tut; denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in Dem, was sie tun, als in Dem, was sie denken.[17]

Daß sich Freunde zu ein und derselben Arbeit vereinigen können, ist selten; wohl aber können sie einander bei ihren besonderen Arbeiten anregen, anfeuern, belehren, aufklären, aushelfen. Goethe, der über sein Genie wenig Herr war und die Poesie keineswegs „kommandieren“ konnte, bedurfte solcher Freundesdienste in hohem Maße und schätzte sie darum auf das dankbarste. Erst die Freunde klärten ihn über sich selber auf; er bekannte gern, daß er von Personen, denen es gefiel, freundlich über ihn zu reflektieren, Manches gelernt und sie deshalb verehrt habe.[18]

Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist ihnen verhaßt; sie verwerfen die Zwecke, nach welchen mein Tun gerichtet ist, und die Mittel dazu achten sie für ebenso vieles falsches Bestreben. Ich weise sie daher ab und ignoriere sie, denn sie können mich nicht fördern, und Das ist’s, worauf im Leben Alles ankommt! Von Freunden aber laß’ ich mich ebenso gern bedingen als in’s Unendliche hinweisen; stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhaftiger Erbauung.

Kleine Aufmerksamkeiten

Goethe erwiderte seinen Freunden und Denen, die es gern sein wollten, oft nicht nach Wunsch; sie bedachten nicht, wie viele Menschen Großes und Kleines von ihm begehrten und daß er doch auch für sich selbst, seine Ämter, seine Studien, seine Dichterarbeit leben wollte. Er vermied die Gefühlsergüsse und versäumte die herkömmlichen Freundschaftshandlungen fast regelmäßig, also namentlich die schriftlichen oder mündlichen Teilnahme-Versicherungen bei Familien-Ereignissen. Dagegen verstand er sich auf große und kleine Liebesdienste außer der Regel. So ärgerte sich die alte Frau v. Stein, daß der ehemalige Pflegevater sich zu den Schicksalen ihres Lieblingssohnes Fritz kaum äußerte; aber wenn sie den Schmerz hatte, daß ihr sehr geliebter Kanarienvogel umkam, so erwachte sie am andern Morgen an dem Gesang eines neuen Hänschens, den ihr Goethe heimlich hatte in das Bauer setzen lassen.

Solche kleinen, aber wirklich ihren Namen verdienenden Aufmerksamkeiten nahm er, wenn sie ihm erwiesen wurden, recht dankbar auf. Eine Frau v. Eybenberg, mit der er von den böhmischen Bädern her befreundet war, rühmte er deswegen: