Sie haben unter so vielen liebenswürdigen Eigenschaften die besondere, daß Sie die kleinen grillenhaften Wünsche Ihrer Freunde für Etwas halten und, um sie zu befriedigen, sich eine gefällige Mühe geben mögen. Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß diese Eigenschaft so selten ist. Man liebt seine Freunde, man schätzt sie, man mag ihnen gern einmal einen derben Dienst, auch mit einiger Aufopferung, erzeigen; aber einem flüchtigen Geschmacke, einem launigen Einfalle, irgend einer Grille genugzutun, sind wir, ich weiß nicht: zu bequem, zu nachlässig, zu trocken, zu falsch-vornehm, und bedenken nicht, daß eben diese wunderlich scheinenden Gelüste, befriedigt, den angenehmsten Genuß geben.

[16] Diejenige mit Zelter glaube ich in meinem Werke ‚Die Tonkunst in Goethes Leben‘ hinreichend begründet zu haben.

[17] 1798 an August Herder.

[18] An Schubarth, 2. April 1818.


IX.
Feinde.

Einst trug der dänische und deutsche Dichter Öhlenschläger ein paar scharfe Spottgedichte vor, die gegen bekannte Schriftsteller gerichtet waren. „So etwas sollt Ihr nicht machen!“ rief ihm Goethe zu; „wer Wein machen kann, soll keinen Essig machen!“ – „Haben Sie denn keinen Essig gemacht?“ fragte der kluge Däne, aber „Teufel noch einmal!“ erwiderte Goethe: „Weil ich es gemacht habe, ist es darum recht?“

Jugendlust am Kampfe

Als Goethe in die deutsche Schriftstellerwelt eintrat, mit 22 bis 25 Jahren, zog er sich aus Mutwillen nicht wenige Feinde und Tadler zu. Trotz aller angeborenen Ernsthaftigkeit und Gutmütigkeit liebte er das Raufen: den kecken Angriff, das Necken und Daraufhauen, wohlverstanden: nur mit der Feder, also das Pasquilieren, wie man damals sagte. Er und seine Freunde hänselten sich gegenseitig; Das war nicht nur eine lustige Unterhaltung, sondern es übte auch die Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart; man konnte es mit dem Degenfechten vergleichen oder gar an jene Flibustier erinnern, „welche sich in jedem Augenblicke der Ruhe zu verweichlichen fürchteten, weshalb der Anführer, wenn es keine Feinde und nichts zu rauben gab, unter dem Gelagtisch eine Pistole losschoß, damit es auch im Frieden nicht an Wunden und Schmerzen fehlen möge.“ Aber Goethe richtete seine Waffen auch gegen Schriftsteller, nach deren Bereitwilligkeit zu solchem Spiel er nicht vorher fragte.

Unangenehme Gegenwirkungen konnten nicht ausbleiben. Namentlich aber erfuhr Goethe, daß einige der Verletzten recht vortreffliche Menschen waren, die er achten und lieben mußte, sobald er sie in der Nähe sah. Besonders beschämte ihn auch die vornehme und sehr kluge Art, mit der Wieland seine Pfeile abschüttelte. „Ich bin eben prostituiert!“ rief er aus, als er sah, daß Wieland keineswegs auf Rache sann, sondern des jungen Angreifers Talent lobte und seine Fehler als Eigenschaften brausender Jugend rechtfertigte. Bald danach lernte er weimarische Freunde Wielands kennen, und namentlich mit Knebel sprach er sich über seine Streitschriften aus. „Es ist ein Bedürfnis seines Geistes, sich Feinde zu machen“ schrieb damals Knebel heim; „der Bube ist kampflustig, er hat den Geist eines Athleten.“ Und weiter: „Wie er der allereigenste Mensch ist, der vielleicht nur gewesen sein mag, so fing er mir einmal abends in Mainz ganz traurig an: „Nun bin ich mit all den Leuten wieder gut Freund, den Jacobis, Wieland ... Das ist mir gar nicht recht! Es ist der Zustand meiner Seele, daß, sowie ich Etwas haben muß, auf das ich eine Zeitlang das Ideal des Vortrefflichen lege, so auch wieder Etwas für das Ideal meines Zorns. Ich weiß, Das sind lauter vortreffliche Leute, aber just deshalb: was kann ich ihnen schaden? Was nicht Stroh ist, bleibt doch!““