Xenien und Versöhnung
Auch in der ersten weimarischen Zeit juckte das unruhige Blut noch in ihm, und der neue Freundeskreis betrieb das Pasquilieren so gern wie die früheren „oberrheinischen Gesellen.“ Doch war Goethe jetzt schon vorsichtiger, und als er dann in den Staatsdienst trat und die Arbeit für das Gemeinwohl als Pflicht ergriff, da blieb in seiner Seele nur wenig Raum für Negation und Opposition. Nur einmal noch fiel er in den Jugendfehler zurück; 1796, als Schiller und er vom Gefühl ihrer Doppelkraft berauscht waren, ließen sie sich hinreißen, gegen die Zeitgenossen, die ihnen nicht anstanden, „Xenien“ zu schmieden und sie im Druck auszusenden. Freude konnte Goethe an diesen Erzeugnissen übermütiger Laune nicht erleben; Nutzen konnten sie nicht stiften. Andere hatten Ärger und Kummer davon; er selber erfuhr nicht selten Beschämung und Verlegenheiten daraus. Er mußte wohl erkennen, daß er vielen ehrenwerten Menschen wehgetan hatte und daß er ihre Fehler durch seine Spötterei nicht beseitigte: kein Herkules kann den Parnaß von den Schwächlingen rein kehren, die immer wieder bergauf zu krabbeln suchen.
Gern ergriff darum Goethe die Gelegenheit, wenn er mit einem literarischen Gegner sich wieder versöhnen konnte. So war er mit dem Kapellmeister Reichardt befreundet gewesen, der manches seiner Lieder in Musik gesetzt hatte; später hatte Reichardt, besonders auch als Politiker, Goethes Zorn erregt, und da auch Schiller ihm nicht gewogen war, wurde er in den ‚Xenien‘ hart mitgenommen. Reichardt blieb die Antwort nicht schuldig. War er ein böses Insekt gescholten, so nannte Reichardt Goethes und Schillers Stachelverse einen „Pasquillanten-Unfug aus empörter Eitelkeit“, drückte seine „herzliche Verachtung“ aus gegen Schillers „nichtswürdiges und niedriges Betragen“ und sprach davon, daß Goethe sich durch Unsittlichkeit beflecke. Kurz: hier hatte Goethe sich einen begabten Freund zum Feinde gemacht. Als aber Goethe zu Beginn des Jahres 1801 so schwer erkrankte, daß allgemein sein Ableben erwartet wurde, gedachte Reichardt der früheren Freundschaft mehr als des späteren Zwistes und schrieb ihm freundlich, und der Dichter antwortete nach der Genesung mit einem Gedanken, der echt goethisch war:
Freunde und Bekannte nicht allein, sondern auch Fremde und Entfremdete bezeigten mir ihr Wohlwollen, und, wie Kinder ohne Haß geboren werden, wie das Glück der ersten Jahre darin besteht, daß in ihnen mehr die Neigung als die Abneigung herrscht, so sollte ich auch bei meinem Wiedereintritt in’s Leben dieses Glücks teilhaft werden, mit aufgehobenem Widerwillen eine neue Bahn anzutreten ... Ein altes, gegründetes Verhältnis wie das unsrige konnte nur, wie Blutsfreundschaft, durch unnatürliche Ereignisse gestört werden. Um so erfreulicher ist es, wenn Natur und Überzeugung es wieder herstellt ... Senden Sie mir doch ja Ihre neuesten Kompositionen! Ich will mir und einigen Freunden damit einen Festabend machen ... Nehmen Sie wiederholten Dank für Ihre Annäherung in diesem Zeitpunkt!
Nach dem Xenien-Abenteuer hat Goethe niemals wieder die Verse veröffentlicht, zu denen ihn seine Widersacher reizten. Wenn er sie später benutzte, so löste er sie vom einzelnen Falle so sehr ab, „daß es zwar dem Leser nicht an Beziehungen fehlen, aber Niemand wissen wird, worauf es eigentlich gemeint ist.“[19] Soret fragte ihn einst, warum er gewisse Epigramme gegen Kotzebue nicht drucken ließe – Kotzebue war damals schon längst tot – und Goethe antwortete, er wolle das Publikum mit seinen Privatstreitigkeiten nicht belästigen oder gar Lebende damit quälen.
Zu gelegener Zeit kann man, ohne unziemlich zu werden, von Dem, was in der Richtung gut ist, Gebrauch machen. Meinerseits habe ich darin immer nur ein Mittel gesehen, meinen Unmut an den Tag zu bringen, ohne andere Personen in’s Vertrauen zu ziehen, höchstens einmal eine mir ganz nahestehende.
Ebenso zeigte er ein Gedicht ‚Das Gastmahl der Weisen‘ von 1815 nur wenigen Freunden: „Wenn es bekannt würde, so müßte es gewisse Individuen sehr tief verletzen, und die Welt ist denn doch nicht wert, daß man sich, um ihr Spaß zu machen, mit der Welt überwerfe.“ Das Gedicht ist denn auch nur nach Wegnahme der Stacheln im Druck erschienen; ‚Die Weisen und die Leute‘ heißt es in seiner neuen Gestalt.
Zeitlebens behielt er das Bedürfnis, auch auf seine Gegner und alles ihm Verdrießliche Verse zu machen; er erwiderte jeden starken Eindruck durch einen poetischen Ausdruck. Aber die Erfüllung dieses Bedürfnisses war, wenn es sich um einen Feind handelte, weniger ein Akt der Feindseligkeit als ein Friedensschluß, denn dadurch wurde der Dichter die unfreundliche Stimmung vom Herzen los. Erst das Veröffentlichen solcher Zornesergüsse oder witziger Angriffe kann Feindschaft erregen oder verschlimmern.
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Spätere Friedensliebe