Der gereifte Goethe hütete sich, Feindschaft zu erregen oder die vorhandene zu vergrößern, oder gar in der eigenen Brust der Feindschaft Raum zu geben. Dem Gehaßten schadet die Feindschaft zuweilen, dem Hassenden immer.

Der Haß ist eine läst’ge Bürde,

Er senkt das Herz tief in die Brust hinab

Und legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.

Als Heinrich Voß mit einem andern jungen Gelehrten einen Streit bekam, der sich an die Dramen von Sophokles anknüpfte, hinderte Goethe das Anwachsen dieses Streites schon deshalb, weil seinem jungen Freunde dadurch schließlich sogar der Sophokles verleidet werden könnte. Erst recht war Goethe unglücklich, als er bemerkte, daß ein so hoch begabter Dichter wie Graf Platen in der herrlichen Umgebung von Rom und Neapel an seine deutschen literarischen Gegner dachte und seine Zeit und Kraft der Polemik mit ihnen gönnte. „Solche Händel okkupieren das Gemüt!“ rief Goethe aus,

Die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Produktion ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten! Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zugrunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken!

In Jena lehrte seit 1810 ein Philosoph Bachmann, der sich besonders mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften beschäftigte; einst schickte er an Goethe eine Abhandlung, in der ein Stück, ein Loblied nämlich auf Newton und die Mathematiker, dem Verfasser der gegen Newton ankämpfenden ‚Farbenlehre‘ peinlich sein mußte. Goethe las die Schrift nur bis zu diesem Teil:

Hier mach’ ich Halt nach längst geprüfter Lebensregel: was mit mir übereinstimmt, bringt eine heitere Stunde; Dem aber ein Ohr zu leihen, was mir widerstrebt, warte ich auf einen Augenblick, wo ich mir selbst gewissermaßen gleichgültig bin und auch wohl das Gegenteil meiner Überzeugungen geschichtlich anhören mag. Der Menschenkenner sollte sich überzeugen, daß Niemand durch seines Gegners Gründe überzeugt wird. Alle Argumente sind nur Variationen eines ersten festgefaßten Meinungs-Thema, deswegen unsere Vorfahren so weislich gesagt haben: mit Einem, der deine Prinzipien leugnet, streite nicht!

Literarischer Streit

So hütete er sich vor allem literarischen Streit. Als Wolfgang Menzel an ihm zum Helden zu werden begehrte, las Goethe seine Angriffe gar nicht, sondern meinte: „Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, und es darf mich nicht kümmern, ob sich Irgendeiner da oder dort in den Weg stellt, den ich einmal gegangen bin.“ Er gestand den Andersgesinnten gern das Recht zu, sich ihren Widerspruch oder ihren Ärger von der Brust wegzureden. „In der großen deutschen Nationalversammlung tut man wohl, wenn man seine Meinung gesagt hat, Andern auch den Ausdruck der ihrigen zu gönnen.“ So an Kosegarten 1822, und an Eichstädt, den ihm unterstellten Redakteur der Jenaischen Literaturzeitung 1804: „Adelungen würde meo voto nicht geantwortet. Wenn man Jemand so tüchtig durchdrischt, so ist es billig, daß man ihn Gesichter schneiden lasse, soviel er will. Durch Dupliken wird nichts ausgerichtet vor dem Publikum; es ist schon eine Art defensiver Stellung, die niemals vorteilhaft ist.“