Man hat die Polemik zwischen Gelehrten, Schriftstellern und Rednern wohl öfters mit den Turnieren des Mittelalters verglichen; Goethe aber betonte, daß es diesen geistigen Kämpfen an ritterlichem Schrankenraum, an Kreiswärteln und Kampfrichtern fehle, „und in jedem Schaukreise wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch auf die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse beherrscht den Augenblick.“

Die Menge als Richter

Ist es schon töricht, das Publikum in einem wissenschaftlichen Streite zum Richter zu machen, so ist jeder öffentliche Hader in politischen Dingen noch viel bedenklicher. Diejenigen, die zu gemeinsamer Arbeit für das Wohl der Stadt oder des Landes berufen sind, können freilich nicht immer einig bleiben, und zwischen heftigen Naturen wird heftiger Streit entstehen. Aber kluge Freunde werden dann sorgen, daß dies Feuer auf seinen Herd beschränkt werde, daß nicht die Funken und brennenden Scheite nach allen Seiten fliegen. Ein junger Anverwandter Goethes, J. F. H. Schlosser in Frankfurt, hatte 1816 einen Amtsgenossen öffentlich angegriffen; Goethe schrieb ihm, er würde in solcher Lage verzweifeln.

Beurteilen kann ich nicht, ob es unvermeidliche Notwendigkeit war, Herrn v. Guaita auf eine unwiderrufliche Weise anzugreifen. In ähnlichen Verhältnissen habe ich mich auch gewehrt, aber innerhalb der Verhältnisse selbst, und es wäre mir unmöglich gewesen, das Publikum, das nie rechten kann noch wird, dergestalt als Instanz zu ehren ... Wenn ich mir denke, daß Sie mit diesem angesehenen, bedeutenden Manne zeitlebens in einer Stadt wohnen, öfters in einem Kollegium, vielleicht gar als Ratsherr in einer Reihe mit ihm sitzen sollen, nachdem Sie ihm seine Herkunft vorgeworfen, seine Tüchtigkeit zu einem Geschäfte, zu dem er sich erboten, öffentlich bezweifelt und nicht allein ihn, sondern auch seine Freunde, Verwandte, Verbündete sich zu Todfeinden gemacht haben, ohne vielleicht von dem gleichgültigen und schwankenden Publikum gebilligt zu werden, so stelle ich mir Ihre und Ihres würdigen Bruders Lage so schrecklich vor, daß ich mich darüber kaum beruhigen kann.

In solcher Gesinnung kam Goethe auch zu der weiteren Meinung, daß man über Ortsgenossen sich überhaupt nie öffentlich äußern solle.

Über den Ort, wo man gewöhnlich sich aufhält, wird Niemand wagen, etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein. Ebenso geht es mit Allem, was uns noch einigermaßen nah ist. Man fühlt erst, daß es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte.

Es dachten freilich auch damals (1799) schon Viele anders! Die Zeitungen fingen an, auch örtliche Nachrichten zu bringen und die persönlichen Angelegenheiten zu berühren; nach der Schlacht bei Jena erzählten sie z. B. auch, daß Goethe seine Haushälterin geheiratet habe und wie es bei der Plünderung dem Romanfabrikanten Vulpius und seiner Gattin gegangen sei. Aber solche schamlose Neuigkeitskrämerei, solches öffentliche Zeigen von Abneigung und Haß empfand Goethe fast ebenso schmerzlich wie die Gewalttaten der Franzosen. Denn dies war eine Herabwürdigung, die von innen kam!

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Manche Feindschaft entsteht aus einer plumpen Auffassung der Wahrhaftigkeit. Alle menschliche Gesellschaft ist aber auf Höflichkeit, Gefälligkeit und Duldung angewiesen; wer dazwischen fährt und Anderen „seine Meinung“ oder „die Wahrheit“ sagen will, stiftet Ärger und Haß. Eines Abends 1819 erzählten bei Goethe die jungen Gräfinnen Egloffstein von dem damaligen Posthalter zu Langensalza, der wegen seiner lächerlichen Eitelkeit weithin bekannt war, und die Damen gestanden, daß sie dem Manne noch gröblich geschmeichelt hätten, wobei sie ihm sehr wohl getan und sich heimlich vergnügt hätten. Goethe erfreute sich an dem Berichte und meinte: darin, im Eingehen auf die Schwäche eines Andern, bestehe die eigentliche Lebensklugheit und er rate Jedermann ein solches Benehmen an.

Auf Juliens Frage, warum man nur gegen Karikaturen sich diese augenblickliche Verleugnung seiner Ansichten gestatte, erwiderte er mit sichtbarer Freude über die Bemerkung, daß diese Gattung von Menschen, indem sie aus ihrer Natur heraustrete, auch alle Verpflichtungen, so wir gegen uns und Andere üben, auflösten und man daher diese Personen als halb Wahnwitzige dulde und, statt sie zu widerlegen, in ihre Ideen eingehe.