Julie zitierte eine Person aus ihrer Bekanntschaft, wo man täglich diese Regel übe. Jedes glaubte sie erraten zu haben, als der alte Herr mit Feinheit einfiel, daß man nur im Staatskalender suchen dürfe, um so einen Gegenstand zu finden. „Erhaltet eure Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe soviel wie möglich“ fuhr er fort, „aber verfallt nicht in den Fehler der jetzigen Zeit: nämlich durch allzu große Aufrichtigkeit grob zu werden!“
Hierauf erzählte er uns eine niedliche Anekdote von einer alten würdigen Kastellanin zu Nürnberg, welche in einer Gesellschaft von jungen Leuten, die sich mit ungeziemender Heftigkeit und Unart über die Schmeichler und Heuchler äußerten, plötzlich hinter ihrem Kaffeetisch mit zusammengeschlagenen Händen in vollem Unmut ausrief: „Ach, wie lieb’ ich die Schmeichler und Heuchler!“
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Die Gegner zu erwarten
Je älter er wurde, um so tiefer ward seine Friedfertigkeit. Schon 1816 scherzte Goethe, er habe auf seinen letzten Reisen am Rhein und Main das Evangelium Johannis gepredigt: „Kindlein, liebt euch, und wenn Das nicht gehen will, laßt wenigstens einander gelten!“ Später drückte er philosophisch-naturwissenschaftlich aus, daß wir dem Andersgesinnten, Andersgearteten nie gram sein dürfen. So meinte er 1829 gegen seinen jungen Anhänger Schubarth, er wolle zwar die Jugend nicht tadeln, wenn sie sich in den Kampf stürze, müsse aber bekennen, daß bei ihm, dem Alten, die polemischen Richtungen immer schwächer würden „und sich nach der inneren Einheit zusammenziehen: denn die Gegenstellungen sind überall dergestalt unvermeidlich, daß, wenn man den Menschen selbst ganz genau in zwei Hälften spaltete, die rechte Seite sogleich mit der linken in einen unversöhnlichen Streit geraten würde.“ Ähnlich sprach er zu Eckermann:
Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden: und so möchten sich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise vollkommen harmonieren. Setze ich Dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand.
Das bezieht sich auf die Gegner aus abweichender Denkungsweise. Aber er hatte noch viele andere.
Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind Solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten.
Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören.
Ferner kommt eine große Anzahl Derer, die aus Mangel an eigenem Sukzeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele.