Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen. Denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner Bildung Ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete, so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war.

Übrigens muß schon ein denkender Leser der Novellen, Romane und Dramen zu solcher Duldung gelangen, also erst recht Derjenige, der solche Werke schafft! Als geborener Dichter konnte sich Goethe in die verschiedenartigsten Charaktere hineindenken und hineinfühlen; er wußte also, daß sie in ihrer Art Recht hatten, daß ihr Wesen und Handeln ausreichend begründet war. „So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen“: dies eingeborene Gesetz gilt für unsere Gegner so gut wie für uns. Da Goethe nun sein Leben lang die Menschen auch noch fleißig beobachtete und studierte, so wurde sein Verhältnis zu ihnen immer sachlicher: der Gegner erschien ihm immer mehr das natürlichste Ding von der Welt.

Was klagst du über Feinde?

Sollten Solche je werden Freunde,

Denen ein Wesen, wie du bist,

Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?

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Die philosophische Betrachtung der Feinde

Aber ist diese philosophische Betrachtung der Feinde durchzuführen? Die Feinde schaden uns doch, wenn sie es irgend können, oder sie schaden unsern Freunden und der guten Sache. Dürfen wir die Schlechten, die Verblendeten, die Unwissenden ruhig gewähren oder gar herrschen lassen?

Goethes Antwort ist, daß die Feinde, solange wir selber richtig handeln, uns nur selten schaden können und daß der Krieg nicht das Mittel ist, ihnen Abbruch zu tun. Lassen wir uns auf den Ringkampf ein, so verbrauchen wir unsere Zeit und Kraft dazu, ihre Stöße abzuwehren, ihre Blöße zu erspähen, und wir ermüden sogar durch die Schläge, die wir selber austeilen. Mit demselben Aufwand können wir ohne Kampf unserer Sache erfolgreicher dienen. In einer der letzten hundert Nächte seines Lebens lag Goethe lange schlaflos; er hatte Vorträge von Carus in Dresden über Psychologie gelesen; sie reizten ihn zu Gegengedanken, und er arbeitete im Kopfe aus, was er über den gleichen Gegenstand sagen würde. Und diktierte am andern Morgen ins Tagebuch: „Streiten soll man nicht, aber das Entgegengesetzte faßlich zu machen, ist Schuldigkeit.“