Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede echte Neigung muß irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heiraten, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heiraten etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuellen Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammenpassen.

So dachte er immer: „Lieben heißt leiden, man muß es nur, man will es nicht“, oder: „Als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu tun hätte!“ Die Ehe aber galt zu Goethes Zeit viel allgemeiner als heute für eine Verstandessache; sie war also viel seltener eine Folge des Verliebens, hatte auch die Liebe nicht zur Voraussetzung. Vielmehr ward sie als eine praktische, gemeinnützige Einrichtung aufgefaßt, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand beider Gatten verbessern, ihr leibliches und seelisches Wohlbefinden erhöhen und zum Aufziehen eines neuen Geschlechtes die geschützte Stätte liefern sollte. Man nahm an, daß ein wünschenswertes Maß von Liebe sich in der Ehe von selbst einstelle, da die Gatten manche Annehmlichkeiten von einander haben und wirtschaftlich der Welt gegenüber verbündet sind. Die Brautleute waren in der Regel noch jung genug, um sich einander anzupassen; namentlich gab man die Mädchen fast noch im kindlichen Alter, wo sie noch biegsam und bildsam sind, an ihre Eheherren. Goethe hat einmal die Erfahrung ausgesprochen: die Liebe der Frauen sei meistens eine pflichteifrige, die der Männer eine enthusiastische. Aus dieser Erfahrung heraus sah man auch den verheirateten Männern neue Verliebtheiten nach, erklärte jedoch die Liebe zu einer Pflicht der Ehe, namentlich für die Ehefrauen. Und viele Frauen liebten in der Tat deshalb ihre Männer, weil sie an diese Pflicht glaubten, und waren ihnen treu und untertan, wie es der Pfarrer bei der Trauung als Gottes Gebot gelehrt hatte.

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Auffassung der Ehe

Aber wenn Goethe in jungen Jahren um sich schaute, so sah er unter den Ehen, in die er die besten Einblicke hatte, kaum eine, wie er sie für sich wünschen konnte. Seine Mutter und seine Schwester waren an brave Männer und dennoch übel verheiratet. Herzog Karl August und Herzogin Luise waren vortreffliche junge Menschen, aber ihre Ehe war Verdruß und Not. Seine beste Freundin, Charlotte v. Stein, hatte einen achtungswerten Gatten, aber in ihrem inneren Leben ging er nur so nebenher. Dazu kamen dann die Ehepaare, deren Zank und Streit öffentlich bekannt war oder wo der Eine dem Andern davonlief. Es traten nicht wenige Frauen auf, die zu pflichtmäßiger Liebe nicht mehr fähig oder willig waren; es waren Frauen, die sich durch Stärke des Geistes und Gefühls auszeichneten. Charlotte v. Kalb und Karoline v. Beulwitz hatten gegen ihre Männer keine erheblichen Anklagen, aber sie drangen auf Scheidung, weil sie ein hohes Ideal vom Manne in ihren Herzen trugen; beide hängten eine Zeitlang ihre Herzen an Schiller. Eine noch schlimmere Plage ihres rechtschaffenen Gatten war Emilie v. Berlepsch, die den Jean Paul für sich verlangte und vorher sehr gern Frau v. Goethe geworden wäre. Die hübsche Frau v. Werthern entlief ihrem Gatten, weil sie in August v. Einsiedel einen romanhaft vollkommenen Mann gefunden zu haben glaubte. Immer wieder ward Goethe daran erinnert, daß die Ehe gerade für Menschen von verfeinerten Ansprüchen, für Menschen, die von Höhe zu Höhe schreiten, leicht zur qualvollsten Lebenslast wird.

Die Ehen ringsum

Zwei von seinen Freunden sah Goethe glücklich verheiratet. Herders Gattin war hochgebildet und hochbegabt; sie liebte ihren Mann von ganzem Herzen und lebte sein äußeres und inneres Leben vollkommen mit, war auch die gleichwertige Freundin seiner Freunde. Aber gerade diese innige Verbundenheit des Herderschen Paares erschien auch als etwas Schädliches und Verderbliches; Herder wurde durch seine Gattin in seinen Fehlern bestärkt; sein persönlicher Egoismus wurde durch die Erweiterung zum Familienegoismus nicht angenehmer; Herders machten ihr Pfarrhaus gar zu sehr zu einer eigenen Festung gegen die Mitlebenden und wurden immer ungerechter und verbitterter gegen die ehemaligen Freunde, die ihnen oder ihren Kindern nie genug tun konnten. Viel anspruchsloser und glücklicher war Wieland in seinem gleichfalls kinderreichen Heime. Er hatte in jungen Jahren die geistreichsten Freundinnen gehabt; als er aber heiratete, tat er es ganz nach der alten Sitte. Er wählte die Braut, ehe er sie gesehen hatte; er heiratete sie nach einmaliger Zusammenkunft, obwohl er, der vielbewunderte Autor, wußte, daß sie außer der Bibel und dem Kalender nichts las. Auch durch Schönheit zeichnete sich Dorothea Hillenbrand nicht aus; sie war nur ein gutes Kind und hatte soviel Vermögen, daß sie im Witwenstande davon hätte leben können. Sie blieb auch als Wielands Gattin in einem kindlichen Verhältnis zu ihm, wagte nie, ihn mit „Du“ anzureden, ging nie mit ihm in Gesellschaften, und wenn Beide spazieren gingen, vermieden sie die allgemeine Promenade. Dabei gab es kein glücklicheres Paar und keine glücklichere Familie in Weimar!

Aber weder die wielandische noch die herdersche Ehe waren für Goethe verführerisch.

Und namentlich: es trat ihm, seit er in Weimar Amt und Heimat hatte, kein Mädchen entgegen, das ihn alle Bedenken vergessen ließ. Es konnte ihn kein Mädchen berauschen, weil er in eine zärtliche Freundschaft mit Charlotte v. Stein geraten war und dadurch einen „Maßstab für alle Frauen“ hatte. Diese Freundschaft konnte ihn nicht völlig befriedigen, aber sie verminderte Hunger und Durst nach der rechten Liebe. Und so paßte lange Jahre auf ihn sein eigenes Wort:

Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte