Abhärtung
Er vertraute sich aber auch sonst wie ein Sohn der Mutter Natur an, lebte so viel, als irgend möglich, im Freien und betrieb so viele körperliche Übungen, wie irgend die Zeit erlaubte. In seinem achtundzwanzigsten Jahre erstieg er die Höhe seiner leiblichen Kraft und Gewandtheit. Sein Körper war sehr mager und sehr sehnig; die beständige Übung machte ihn immer geschmeidiger und ausdauernder. Am 23. April 1777 schrieb er als einzige Eintragung in sein Tagebuch: „Körperliche Übungen allerlei Art“, aber das ganze Jahr betrieb er solche körperlichen Übungen fleißig. Das Tanzen, Reiten, Wandern, Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislaufen, Schlittenfahren, Fechten, Kegeln, sie wechselten nach der Jahreszeit miteinander ab. Beim Kegeln ist an das Wurfspiel nach der Trou-Madame zu denken, die im ‚Stern‘ stand. Das Wandern war zumeist ein vergnügtes Herumstreifen mit Anderen, zuweilen ein einsames, scharfes Marschieren zu bestimmtem Ziele; z. B. ging er an einem Juli-Abend von halb Sechs bis halb Zehn nach Kochberg. Im Reiten brachte er es zu viel besseren Leistungen als früher: von Leipzig bis Weimar ritt er von früh halb Sieben bis mittags um Drei; von Eisenach bis Weimar von früh Fünf bis halb Zwölf, obwohl er eine starke Stunde in Erfurt beim Statthalter saß; von Kochberg bis Weimar in zwei Stunden fünf Minuten. Das machten ihm bei dem damaligen Zustande der Straßen nicht Viele nach! Auch junge Pferde zuzureiten, betrieb er als Vergnügen. Am 15. Mai begann er das Schwimmen zu erlernen, zunächst mit einem Schwimmwams und nur im Floßgraben.
Im Winter war der Eislauf schon ein allgemeines Vergnügen der Hofgesellschaft geworden. Auch die Herzogin zeigte sich als eine geschickte Schlittschuhläuferin; sonst ließen sich die Damen meist in Stuhlschlitten von den Kavalieren herumfahren. Der Herzog liebte es, auf dem Eise mit einigen Freunden fröhliche Tafel zu halten, und zuweilen wurde die Lust abends bei Fackeln, Laternen und Feuerwerk fortgesetzt, und die Musikanten spielten auf zum Fackeltanz. Unfälle erhöhten manchmal die Aufregung; Goethe selber brach am 17. Januar ein, kümmerte sich aber nicht um Schreck und nasse Kleider, ging abends auf die Redoute, am andern Morgen wieder auf’s Eis, aß dort mit dem Hofe, tollte weiter herum, bis er abends an der Tafel der Herzogin-Mutter plötzlich ohnmächtig hinsank. Die nächsten Tage aber war er wieder auf dem Eise. Wieland, der an den schönsten Sommerabenden den Mantel nicht zu Hause ließ, schalt auf solche gewaltsamen Abhärtungsversuche:
Goethe leidet zeither immer an Zahnschmerz comme un damné,
schrieb er im Oktober an Merck:
aber er macht’s auch danach mordiable. „Man muß die bestialische Natur brutalisieren“ pflegte der alte Mordiable v. Bassenheim zu Mainz zu sagen; Goethe und der Herzog sind auch von diesem Glauben, aber sie befinden sich meist so übel dabei, daß ich keine Versuchung kriege, ihr Proselyt zu werden.
Erstarkung
Ein neues Mittel der Abhärtung und der gewollten Verbindung mit der Natur war für Goethe der neue Altan: hier konnte er im Freien schlafen. Am 2. Mai war abends ein herrliches Gewitter, das den ganzen südlichen Himmel überleuchtete. Goethe sah vom Altan aus zu, obwohl die Frösche von der Ilm aus gar schrill den kommenden Regen ihm in die Ohren verkündeten. Schließlich wurde er müde, wickelte sich in seinen blauen Mantel, suchte sich ein Fleckchen, das der Regen nicht erreichen konnte, und schlummerte bei Blitz, Donner und Regen ein. Als er später das noch nicht abgekühlte Schlafzimmer aufsuchte, war’s ihm fatal in der Schwüle, und von nun an schlief er öfters entweder im Altanstübchen bei geöffneter Türe oder auf dem Altan selbst; einen Strohsack hatte er unter, seinen Mantel über sich. Und es war ihm die größte Augenlust, wenn er in der Nacht aufwachte und ein neues Stück Sternhimmel über ihm strahlte, oder wenn sich die erste Morgenhelle mit dem Mondschein zu einem seltsamen fahlen Lichte vermischte.[25]
Körperliche Tüchtigkeit
Manche Bemerkungen in Goethes Tagebüchern und Briefen zeigen uns, wie bewußt er solche körperlichen Übungen trieb. Kein Wunder also, daß er im Marschieren und Reiten bald Erstaunliches leistete! Einmal ritt er mit Karl August in acht Stunden von Leipzig nach Weimar, was bei dem damaligen Zustande der Straßen eine große Leistung war. Als es am 3. Mai 1776 in Ilmenau brannte, ritt Goethe hinauf, und am nächsten Tage schrieb er seinem Fürsten: „Ich bin keine sechs Stunden geritten, also wie sich’s gehört. Des Husars Pferd wollte nicht mehr fort gegen das Ende, und hinter Büchenloh auch meins nicht mehr.“ In der ersten weimarischen Zeit wurden alle Reisen zu Pferde gemacht; zumeist war der Herzog sein Gefährte, und Dieser liebte die allerschärfste Gangart. Am deutlichsten bewies Goethe Abhärtung und Wagemut durch seine Winterreisen in die Gebirge, die zu besuchen damals auch im Sommer gar nicht üblich war. Ende November 1777 ritt er von Weimar über den Ettersberg dem Harze zu, den er noch nicht kannte. Mitten im Schloßenwetter überkommt ihn reine Ruhe der Seele. Kein Unwetter, kein böser Weg, kein schlechtes Quartier schreckt ihn zurück. Am 10. Dezember bestieg er den Brocken, damals ein Heldenstück, das Jedermann, selbst der Förster im Torfhause, namentlich des dichten Nebels wegen, für unmöglich erklärte. Noch mehr wagte er 1779 in der Schweiz, als er im November mit Karl August in das Gebiet des Montblanc, der Furca und des Gotthard eindrang. Die Genfer Sofamenschen waren arg entrüstet, als sie von solchem Gott versuchenden Vorhaben hörten. Im Spätjahr 1792, bei der törichten Kampagne der deutschen Fürsten gegen die französischen Revolutionäre, bewies Goethe seine Strapazentüchtigkeit noch einmal mit bestem Humor. „Das Wetter war furchtbarer als je“ erzählt er selber,