die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen auf’s höchste; die Zelte durchnäßt, sonst kein Schirm, kein Obdach ... Konnte man sich auch unter einem Zelte bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgend einem Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein praktisches Hülfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern sei: ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie zusammenbrachen; dann setzte ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede Stelle, wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.

Wie die Herberge, so war damals auch die Nahrung oft die mangelhafteste.

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt ... Ich wußte nicht, was es heißen sollte, als ich meinen treuen Zögling, Diener und Gefährten von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, daß es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen Vorrat mitgebracht hatte. Ja, was mehr ist, ich habe aus den Fußtapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst zu stillen.

Als es noch schlimmer kam, als er nur auf einem Krankenwagen vorwärts kommen konnte, half wieder die Macht des Gemütes.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wußte ich von keiner Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem Zustande eine heilsame Maxime. Mir stellte sich, sobald die Gefahr groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, daß Menschen, die ein durchaus gefährliches Metier treiben, sich durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen.

Strapazen

Es kamen dann Jahre, wo er es sich bequemer machte; er brauchte dann Anlässe und Verführungen, ehe er seine Zimmer verließ. So bewegte er sich in alten Tagen wenig um der Bewegung willen, aber da das Aufsuchen von seltenen Gesteinen, die Vermehrung seines geologischen und mineralogischen Wissens ihm die größte Freude war, so kam er auch als Greis noch oft zu Fußwanderungen, zum Bergsteigen, zum Klettern, zum Beklopfen und Abschlagen der Steine in künstlichen Stellungen. Was manchem Andern die Jagd ist, eine Gelegenheit zur Erheiterung, Erfrischung, Anstrengung und Abhärtung, war ihm das Steinsuchen.

Bis in’s hohe Alter hinein zeigte er sich gelegentlich wetterhart und bewegungslustig. Noch mit vierundsechzig Jahren erwähnt er in einem Briefe an Christiane, daß er am Tage vorher sechs Stunden zu Pferde gewesen und daß es ihm gut bekommen sei. Noch als Achtundsiebzigjähriger setzte er sich Ende September an der Straße nach Berka zum Frühstück auf die Ecke eines Steinhaufens, der vom Frühtau noch feucht war. Das mache ihm nichts, antwortete er ruhig dem besorgten Eckermann. Und immer wieder nahm er sich auch in seinen letzten Jahren vor, recht viel im Freien zu sein. Sie wollten jede Woche einen Tag zu einem großen Ausfluge anwenden, meinte er zu dem eben genannten Begleiter, und als er einige Tage später mit ihm an der Hottelstedter Ecke des Ettersberges stand, die wegen ihrer weiten Aussicht von Weimar und Erfurt aus gern aufgesucht wird, meinte er:

Wir wollen künftig öfter hierher kommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.

In alten Tagen