Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne, sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen, zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt, — ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie, ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal; der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort, als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung. Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese scheinbar kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:

„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,

Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“

Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge. Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein kleiner Schritt.

Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer Zeiträume.

Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.

Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.

Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million Jahre.

Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf einen engeren Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen, Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.

Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig Mal in ihre Länge hinein.