Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus, daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd 600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die Milliarde, offen!
Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen geologischen Perioden zu schieben.
Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht mehr ernstlich bestritten werden, — damit wären wir also einige Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär, in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste Epoche des Tertiär, zurückreiche.
Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.
Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.
Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier, wie lang sollen wir sie allein denken?
Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.
Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der Lebensmöglichkeit auf Erden noch über das Kambrium hinaus. Denn wenn auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich beginnen.
Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als aus dem ein Hummer — so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium und seinen Krebsen verflossen ist.
Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.