Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von bloß etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch von der beträchtlich heruntergegangen.
Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.
Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige „Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu scherzen beliebten.
Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.
Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, — so schwankend, daß sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.
Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig, daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.
Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt. Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche Innen-Glutmeer mehr nötig — von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie ganz aufgehört.
Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern hegt, so gibt es Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht aus örtlichen chemischen Prozessen.
Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft erscheint.
Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe. Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.