Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.
Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie aktuell, eine Schattierung innerhalb des Darwinismus, die spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.
Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen. Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.
Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.
Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, — eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt, Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.
Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.
Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, — und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben —, daß im ganzen Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist — nomina sunt odiosa.
Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, — wer hat denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche feiert das seinen Triumph.
Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was gemeint ist, — mag er das Begriffene danach schelten.
Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet, daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie. Das bestimmt eben seine Eigenart.