Nun Darwin.

Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam. Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten, weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das ist die berühmte Auslese der Passendsten.

Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß. Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als Erklärungsgrund versagt.

Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.

Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz? Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.

Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser Linie unangetastet.

Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede Meinung über die tieferen Ursachen der artbildenden Variation.

Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?

Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren, vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“, auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden, direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck zurückzukehren, — in ein Drittes hinein.

Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der Variation?