Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können. Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn und dem weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der Name Darwin oder Darwin auszusprechen sei.

Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus, hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870 als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in Deutschland hat sehen lassen.

In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863 auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und -Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie, daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig zu.

Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die „Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen, daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand. In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später Haeckel seine ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete: in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den Stammbaum des Menschen“.

Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst, der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in die Hand bekam und wirklich las.

Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt, in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche (wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte. In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.

Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.

Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der Sammlung gehören alle hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.

Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen. Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher, hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial- und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist, bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder Kleinigkeit.

Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem Anhang.