Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht. Die Kirchenangst war allgemein für eine Weile auch bei den zartesten Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich! Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich so weit noch nicht getraut hatten.
Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen Publikum.
Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge sprach, eine Entwickelung predigte, die Sonnen und Planeten und den Menschen selbst gebaut hatte?
Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“
Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und zugleich ein paar in meiner Erinnerung.
Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation, wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei. Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.
In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu stürmischen Theaterszenen, — bei der armseligen Rolle, die das Theater heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser. Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift „Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte, weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark mit Haeckel in Berührung gekommen.
Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat. Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes, das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.
Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht. Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.
Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine klingende Schelle war, aber mit einem praktischen Unstern, der bis heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen meiner Ansicht nach bleiben mußte.