Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten — aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten Weltanschauungen passe, — auf den Jesuitismus schließlich wie auf das Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen Universalzugtiers bestritt.
Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus, die neunziger Jahre.
Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung, das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg 1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott, der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.
Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen, so und so. Aber ich meine, daß es einen Zug hat, den ihm Freund wie Feind in der Folge danken werden. Die konsequente Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er sein will.
Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie. Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für „christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist Wahrheit? ...
Aber immer sind es die Werke gewesen, die irgend ein System der Welterklärung ganz klar dargestellt haben, es herausgearbeitet haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen wollte. Und das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund und Feind als solche schätzen werden.
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Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen? Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um dann weiterzukommen, — und nicht eine wirkliche Umkehr.
Umkehr, — ja wohin?
Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.