Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel antiquiert.
Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.
Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.
Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe in jenem größeren Streit, — dem eigentlichen Geisteskampfe um die Wirklichkeit.
Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in eine freiere Luft.
So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von ihr getragener Naturphilosophie — und Kunst. Erste Lösungen, die ich versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich aber ist mir dabei wenigstens ein echter Wert aufgegangen: nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.
Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin aufs Schlachtfeld.
Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert, wenn die Kunst darüber gerauscht ist.
Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was hinter jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.
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