Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.
Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.
Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert geistigen Bedeutung fassen.
Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“ im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.
Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines Entdeckerschiffs.
Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht, wo das gewöhnliche Auge versagt.
Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.
Es lautet: Wirklichkeit.
Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts, — die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am nächsten steht.
In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.