Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.

Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein Mensch gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große Auge einer tiefsinnigsten Dichtung uns daraus anschauen, die in Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden ist — die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, — aber doch nur eine Dichtung ....?

Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste — die Liebe — aus den Angeln zu heben sich vermaß, — sollte sie ein Zeichen dort sich nur geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und mißverstand?

Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?

Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige. Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.

Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis sein, als eben — ein Mensch?

Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird, daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?

Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis, daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht — allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung und Geburt an umschließt.

Und Dichtung?

Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge H2O verwandelt ist?