Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch, zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern. Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“ eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben, H2O getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht mehr.

Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“, das dunkle „es“ der tinctura aurea alles Naturgeschehens.

Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien. Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall, also auch hier.

Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe, unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge — die Dichtung vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: — ich sage, wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen Verankerung im Geheimnisvollen?

Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.

Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße, der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben kann.

Der Rationalist bekäme Unrecht, der hinter den ungeheuren Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.

In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden darin zu einer einzigen Tat — und gelebt hätte darin die ganze Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?

Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.

Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen wir.