Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.
In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.
Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder junge und lebensstarke Kunst überhaupt — und eine falsche Kunstidee.
Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt — jedesmal dann erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.
Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.
Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab. Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen — als Wahrheitskünstler.
Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.
Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.
Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort deuten.
Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker einer Epigonenzeit.