Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.

Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.

Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“ tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich exakte Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.

Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an, da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu übernehmen.

Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere, greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.

In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.

Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige Entwickelungslinie. In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.

Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom Moment an, da wir den Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.

Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur fressen: — Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst, Kraft, Stoff, Tier, Affe — in Summa: ewig gleichförmig plätschernde „Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle abwarf und zum Lichte flog.

Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht, zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.