In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich als die Stufe des Gesetzes bezeichnen, die zweite als die Stufe der Liebe.
Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns über dem Kosmos zeitlich aufgeht.
Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper, der unter bestimmten Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in diesem Naturgesetz.
Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz, aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand: Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm: alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.
Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht, so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es unendlichen Lohn.
Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen Werten zu reden, — dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der Formel A = A.
Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt. Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben, als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.
Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt. Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.
Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses Prinzip hinaus.
Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft. Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns ehrlich dessen freuen.