Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.
Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.
Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.
Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der Persönlichkeit einmal löse.
Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres hinein zu erfüllen.
Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, — wie ja ihr Träger für unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.
Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“. Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück, nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute erhalten.
Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.
Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.
Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen überraschend.