Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.

Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.

Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft und Stoff“.

Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus dem Spiel, da er mit einer endlichen Welt rechnet, für die natürlich alle Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe, noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven Anpassung.

Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.

Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der Mensch.

Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende, sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue, überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug wird der Mensch Erdbeherrscher. Die Erde geht auf in ihn. Seine Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst seines Werkzeugkörpers.

An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener Erkaltungssymptome der Erde, — mag er auch noch so früh in der Tertiär-Zeit entstanden sein, so fällt doch sein erster höherer Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der nachtertiären Eiszeit, — also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung der Wärme überhaupt als Naturkraft.

Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder einzulenken) — dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.

Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns bekannten Erdentwickelung.