Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir von der Mutationstheorie ausgehen.

Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen oder mit indifferenten Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen — und indifferenten, — genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.

In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel fällt auf die, — aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.

Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit den Ursachen der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu verfolgen.

Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.

Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie ein fertiger Ritter — und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis, ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.

De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht, daß die Natur non facit saltus, keine Saltomortales mache. Ein Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch erhöhte Grübellust.

Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise vollziehe, — von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen, langsam gesteigerten Varietätenkette, — dieser Gedanke brauchte nicht erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.

Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte. Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre Tatsache dazu.

Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder Junge, der ein Aquarium hat.