Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See, mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig, — im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.
Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser, Molche wie Frösche und Kröten.
Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.
Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“. Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen) auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein Köllikerscher „Sprung“: — die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in Unordnung geraten war.
Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.
Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.
Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung dazu.
In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.
Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!), daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde. Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, — wenn schon keine so ganz ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei Hauptkettengliedern gefordert wird.
Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner „Mutationen“ unter Umständen als eine geringere Abweichung gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener bewußten belanglosen Sorte, — oder daß sie wenigstens nicht notwendig abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt: hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt, sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist übergekippt bis zur Basis-Änderung.