Ein Haufen Wölkchen, sagte ich. Ja, wie eine Art Wolke, wenn auch eine kosmische und nicht eine atmosphärische, hatte sich dieses Bielaungeheuer wirklich benommen bei dem Ganzen. Nicht im Schweif, sondern gerade im Kernteil, im Kopf. Nicht das mindeste hatte darauf hingewiesen, daß eine Stoßkatastrophe, irgendein Zusammenprall, es auseinander gespalten hätte. Ganz genau so hatte die Geschichte ausgesehen, als sei, entweder durch die äußeren planetarischen Zugkräfte von fern her oder durch geheimnisvolle innere Abstoßungskräfte, ganz, ganz gemächlich eine eigentlich und ursprünglich schon wolkenhaft lose Masse bloß auseinandergetrieben worden. Wie voneinander schwimmend waren die Kinderstücke dahingeflossen.
Es ging wirklich nicht gut an, man mochte die Sache drehen und wenden so viel man wollte: daß ein in sich solider, etwa bloß mit einer eigenen Dunstatmosphäre umhüllter, aber in Herz und Kern planetenhaft steinharter kosmischer Klotz gerade dieses Spiel vollführt haben sollte, nicht aufzustoßen, zu platzen, zu explodieren, sondern wirklich im Bilde wie eine weiche lebendige Amöbe bei uns, die mit ihrem Zell-Leibe in Selbstteilung tritt, ganz sanft, langsam, aber unaufhaltsam auseinander zu fließen, also daß zuletzt zwei Kerne, jeder nach außen nebelig verschwimmend und hinten geschwänzt, vorhanden waren.
Der Kometenkopf mußte ernstlich eine Art Wolkennatur besitzen. Fragte sich nur, was der Begriff »Wolke« bei einem Gebilde, fern einsam zwischen die Planetenbahnen hinausgestreut, selber besagen sollte.
Aus was für Stoff sollte diese leuchtende Wolke, die zerfließen, sich auflösen konnte, wie eine irdische, und sicherlich doch keine Luftwolke in unserm Erdensinne war, bestehen?
Der Bielasche Komet, den man nach 1866 bereits aufgegeben hatte, war so freundlich, uns auf diese Frage noch zu antworten.
Nach der alten Rechnung hätte er 1872 wiederkehren sollen, es geschah aber für unsere Augen konsequent so wenig mehr wie 1866. Dagegen schnitten wir mit der Erde am 27. November auch dieses Jahres seine alte Bahn, und zwar an einer Stelle, die er nach dem Brauch vor seiner Zerstückelung schon einige Zeit vorher passiert haben müßte. Wenn man sich dachte, daß in dieser Bahn am alten Fleck jetzt nicht mehr ein einzelner Komet lief, sondern möglicherweise ein ganzer Trupp kometarischen Kleinzeugs mit eigenen Köpfen herumbummelte, und wenn man sich vergegenwärtigte, daß schon die Zwillinge von 1852 sich Hunderttausende von Meilen voneinander entfernt hatten, so war immerhin eins von neuem bedenklich. Es konnte sich irgendeiner der kleinen Bummler auf der Hauptbahn so verspätet und über Monate zurück verzettelt haben, daß wir (blind wie wir jetzt auch im Sinne unserer Astronomen vor dem Ganzen standen) doch an dem Tage ihm begegneten.
Und nun in der Tat ging in dieser kritischen Novembernacht ein ungeheures Ereignis los.
Der Himmel erstrahlte aus einer ganz bestimmten Richtung (vom Sternbild der Andromeda her) im Feuerwerk eines märchenhaft schönen Sternschnuppenregens. In Göttingen beispielsweise gab es in noch nicht drei Stunden 7651 Sternschnuppen, also rund eine pro Sekunde.
Sternschnuppen gehören zu den himmlischen Gebilden, vor denen die große Menge von je am wenigsten Angst gehabt hat, und das aller Erfahrung nach mit Recht. Ältere Ansicht sah auch in ihnen nur atmosphärische Fünkchen, die man mit den Irrlichtern verglich, aber nicht mit so bösen Sagen zu umgeben pflegte. Heute ist man sich sicher, daß zu jeder Sternschnuppe ein kleines, sehr rasch bewegtes kosmisches Staubteilchen gehört, das bei der Reibung an dem dicken Erdenpolster unserer Atmosphäre aufglimmt und verpufft. In der Regel ist damit auch schon alles zu Ende. Ist die Masse etwas größer, so daß sie nicht bloß auf diesem Wege verflüchtigt werden kann, so kommen, durchweg nach sichtbarlich heftiger Explosion, auch wohl einzelne Bruchstücke in Gestalt sogenannter Meteorsteine herunter. Wie selten dieser letztere Fall gerade auf menschliche Beobachter stößt und relativ überhaupt sein muß, erhellt am besten aus der Seltenheit und Kostbarkeit solcher Himmelsgeschenke in unsern Museen. In der Regel wird man bei der echten Sternschnuppe durchaus nur von einem ganz flüchtigen Aufglühen meteorischen Staubes reden können.