Von Zeit zu Zeit gibt es nun auch sonst einmal eine Nacht, in der Sternschnuppen zahlreicher fallen als gewöhnlich. Gewisse Augustnächte sind zum Beispiel dafür berühmt. Die Leuchtfunken pflegen auch dann von ein und der gleichen Stelle am Himmel auszustrahlen, die irgendein Sternbild für uns markiert. Natürlich kommen sie aber nicht von diesen Sternen selbst, sondern es handelt sich nur um ein kleines kosmisches Staubwölkchen, das unsere Erdbahn gerade so schneidet, daß die Schnittstelle sich auf jene Gegend projiziert.
Ab und zu geht das aber nochmals ins Große. Dann kommt mit dem einen oder andern Jahr ein Lichtregen, bei dem die Schnuppen fallen wie Hagel. Das heißt: auch dann nur fürs Auge. Echter Hagel wäre schon mißlicher. Denn gerade aus solchem Schnuppengewimmel heraus ist noch nie etwa ein wirklicher Meteoritenregen herunter gekommen: gerade diese dichteren kosmischen Staubwirbel scheinen ganz besonders energisch schon in den oberen Atmosphäreschichten zu verpuffen ohne derberen Rückstand.
Wiederholt hatte man aber schon beobachtet, daß solcher Schnuppenregen in periodischen Abständen sich mehrfach wiederholte. Die Idee lag nahe, daß unsere Erde gelegentlich immer wieder da ein größeres kosmisches Staubgewölk passiere, das sich selber um die Sonne bewege und bei jeder Kreuzung den luftigen Feuerzauber erneue. Lose wie solche Wolke sein mußte und selber bei jedem Durchgang um ein gut Teil ihrer Staubpartikelchen geschmälert, konnte man natürlich hier keine so sichere Gewähr erwarten, wie bei anderen Himmelsgebilden; wie denn wirklich eine Wolke der Art, die im 19. Jahrhundert dreimal in ziemlich genauen Abständen von je 33 Jahren die Himmelsfreunde ergötzt hat, zuletzt, beim vierten Mal, so gut wie ganz wieder ausgeblieben ist. Die Wölkchen von fern schon im ganzen zu sehen und so etwas schärfer zu kontrollieren, dazu waren sie offenbar auch durchweg zu dünn; es ging uns eben wie dem einzelnen mit einem Mückenschwarm, den man zumeist auch erst summen hört, wenn man mit dem Kopf durchgeht.
Kein Zweifel jetzt: eine solche ebenso amüsante, wie harmlose Staubwolke hatte uns auch in dem Moment eingehüllt, da wir die alte Bahn des Bielaschen Ungeheuers schnitten und die Gefahr bestand, daß wir eines der »Jungen«, in die sich sein Kern aufgelöst, in der Schnittstelle anrempeln könnten. Ein Beobachter glaubte sogar die in der Kometenbahn weiterziehende Wolke noch auf einen Moment als Ganzes in direkter Kometengestalt gesehen zu haben, doch ist das strittig geblieben. Daß aber eine kosmische Wolke, die sich als Sternschnuppenregen äußerte, im Moment in der Kometenbahn gestanden hatte, konnte nicht strittig sein.
Die Sache war wirklich sehr eindeutig.
Der Kopf des Bielaschen Kometen hatte sich vor uns wolkenhaft aufgelöst. Im Moment, da wir hinter ihm durchschnitten, gerieten wir in eine kosmische Sternschnuppen-Wolke. Wir hatten einfach einen der Fetzen des Biela-Kerns passiert!
Ganz dem Bilde entsprechend, das die Auflösung früher geboten hatte, war dieser Fetzen loses Material. Da es sich bei jener Auflösung um echte Kerntrennung gehandelt hatte und nicht etwa bloß um Verlieren von Hüllnebeln oder Schwanzmaterial, mußte es Kernmaterial sein. Kometenschwänze liefen ja auch nicht in der Bahnlinie von Kometen selber, sondern nur Kernköpfe; in der Bahnlinie aber hatten wir die Wolke getroffen. Wir hatten also Kometen-Kernmasse erlebt, einen »Zusammenstoß« mit ihr erlebt, und es war ein absolut harmloser Sternschnuppenregen geworden!
Es gibt wenige astronomische Wahrscheinlichkeitsschlüsse, bei denen alle Teile so glatt ineinander passen, wie hier.
Die Sache hat aber noch eine Probe auf ihr Exempel erfahren. Am 27. November 1885 berührte die Erde abermals die alte Biela-Bahn an einer Stelle, die der Komet im alten Sinne diesmal einige Zeit nachher hätte durchsausen müssen.
Und wiederum ging eine ungeheure Sternschnuppenwolke gerade über den Fleck.