Wieder regnete es stundenlang in pompösestem Schauspiel bei uns Sternschnuppen. Aus dem Scheitelpunkt der Andromedagegend flammten den Berichten nach ganze »Raketengarben« nieder. An einzelnen Orten zählte man über 40 000 Schnuppen in einer knappen Stunde, zeitweise fünf pro Sekunde und mehr. Feuerkugeln in allen Farben waren dabei, die Lichtstreifen blieben vielfach längere Zeit hell stehen, sich wirbelnd windende und zerreißende Schnuppen wurden beobachtet. Es war eine Pracht über alle Maßen.

Und wieder »passierte« dabei nichts; auch nicht ein Stück Meteorstoff ist nachweislich dabei bis zu uns heruntergestürzt, alles flammte auf und starb zugleich wieder im Feuerwerk.

Zum zweitenmal hatten wir ein Stück Kometenkern erlebt und wieder gefahrlos. Das Ungeheuer, das uns fressen sollte, war ein brillanter Feuerwerker, sonst nichts.

Seither scheint es, als habe selbst diese größere Wolkenbildung in der Bielabahn ganz aufgehört, das Sternschnuppenmaterial scheint sich mehr oder minder regellos verzettelt zu haben. Damit standen wir möglicherweise jetzt wirklich auch bei einem realen Kometentod.

Das gibt aber bei diesem wunderbaren »Fall Biela« noch wieder für sich zu denken.

Kometenkerne sind also nichts Ewiges. Eben weil sie wolkenhaft lose Gebilde sind, können sie nicht nur in ihrem wilden Lauf zwischen den Planeten im ganzen bald so, bald so abgelenkt, sondern sie können auch bei dieser Gelegenheit (zum Beispiel durch Macht des Riesen Jupiter oder auch sonst) in sich selbst angebrochen, zerstückelt, ja endlich völlig verpulvert werden. Je verwickelter ihre Bahn besonders in die engeren Planetenbahnen hinein verknotet ist, desto wahrscheinlicher muß solches Los (Biela ist redendes Exempel) werden. Je größer das Stadium der Materieverzettelung, desto harmloser müssen sie aber für diese Planeten selbst werden. Es erscheint da etwas wie der Schatten einer am Ende seit alters fortgesetzt tätigen Regulierungsmaschine. Die Planeten machen immerzu frisch eintretende Kometen ungefährlich, um sie endlich ganz aufzureiben, zu töten, und diese Selbstregulierung wächst im gleichen Maße rein mechanisch, je enger ein solcher Komet ihnen auf den Hals rückt und mit verhedderten, gekreuzten Bahnen droht. Die Sache sieht wie eine doppelte Versicherung aus, wobei aber die überhaupt und zu Beginn doch schon lose Wolkennatur der Kometenköpfe allgemeine Voraussetzung auf beiden Seiten bleibt.

Die Idee, daß alle Kometen sich zuletzt auflösen müßten, hatte übrigens schon Kepler zu einer Zeit, da er noch gar nicht an wirkliche geschlossene Kometenbahnen zwischen den Planeten dachte. Er ging dabei vom Schweif aus, den die Kometenkerne in der Sonnennähe entwickelten. Auch hier schon schien ihm durch jene eigenartige Sonnenkraft, die abstoßend wirkte, fortgesetzt Materie des Kerns auf Niemehrwiederkommen in den offenen Raum hinausgeblasen zu werden, und das mußte doch endlich die Quelle erschöpfen. »Ich halte dafür,« sagt der immer vorahnend scharfsinnige Mann wörtlich, »daß der Kometenkörper sich verwasche, verändere, auseinandergezogen und zuletzt vernichtet werde, und daß, wie die Seidenwürmer durch das Herausspinnen ihres Fadens, so auch die Kometen durch das Ausströmen ihres Schweifes aufgezehrt und endlich dem Tode überliefert werden.« Der Gedanke ist an sich ein durchaus folgerichtiger und würde erst recht gut gerade zu dem passen, was der »Fall Biela« lehrt. Dabei mag er uns aber überhaupt auf das Problem des Schwanzes zurückführen.

Wenn der Kometenkern wirklich nur aus mehr oder minder losem Meteoritenstoff in wolkenhafter Anhäufung besteht: was ist dann der Kometenschwanz?

Tatsächlich läßt ihn die Nähe der Sonne erst aus dieser Wolke herauswirbeln, wie Staub unter einem blasenden Luftzug wirbelt. Der nächstliegende Gedanke wäre also gewiß, wenn man von der Bielawolke kommt: auch er ist bloß feinstes Sternschnuppenmaterial, das irgend eine Sonnenkraft noch einmal besonders aus der Kernwolke fortpafft. Natürlich, wenn es so ist, muß diese Wolke sich in Keplers Sinn auch davon schon bei jedem Sonnenumlauf etwas mehr verzetteln und verlieren, diesmal meist direkt abseits von ihrer Bahn, also wohl gänzlich auf Niemehrwiederfinden.

Für uns heute wäre aber aktuell gerade diese Erklärung das allerwichtigste. Denn wir hängen für die kritische Nacht vom 18. zum 19. Mai ja nicht an Biela, sondern an Halley. Und das bedeutet: nicht Kopf, sondern Schwanz.