Es ist aber ein eigentümliches Ding in der Welt: die Namen wechseln, aber die Mächte und die Nöte bleiben immer wieder die gleichen.
Im alten Babylon sind einst aus den Sternen Götter geworden. Für uns heute sind die antiken Götter wieder in Sterne eingegangen. Und doch hat sich die Situation wenig geändert.
Auch für uns, naturwissenschaftlich geschulte Menschen, Bewohner des fern im Sonnenraum mit dreißig Kilometer Geschwindigkeit in der Sekunde dahinsausenden Planeten Erde, moderne Menschen von heute, auch für uns bewegen sich auf der Weltenbühne immer wieder die drei Mitspielenden.
In der Tiefe das unergründliche Geheimnis der Natur. Diese dunkle Macht hinter Leben und Tod, der wir verdanken, daß überhaupt etwas ist; aus der wir aufblühen, in der wir versinken, wir, Sterne wie Menschen; die nicht lobt und nicht anklagt, die überhaupt nicht redet, die, wie Angelus Silesius singt, »ein ew'ge Stille« ist; aber die aus dem Unnahbaren dieser ewigen Stille vollzieht, und deren unerbittliche Waffe die ewige Logik ist, das ewige Kausalgesetz. Was getan ist, das zieht seine Folgen nach, unabänderlich.
Vor diesem absoluten Naturgrunde aber spielen sich zwei engere Szenen ab.
Im Raume schweben Gestirne. Sonnen um die Planeten kreisen. Unfaßbar lange Zeiten hindurch halten sie sich in geregelten Bahnen ohne Zusammenstöße. Auf uralten Verträgen scheint ihr Dasein über Äonen fort aufgebaut. Will man es weniger vermenschlicht ausdrücken, so mag man es Balancen nennen. Vielleicht sind sie in ganz grauen Tagen erst selber mühsam erworben worden, die Balanceverhältnisse etwa unseres Planetensystems. Als Ergebnisse unendlicher Kämpfe. Bis alles sich in natürlicher Auslese des Passendsten, des Harmonischsten endlich so zurechtgesetzt hatte, daß es nun auf lange Zeiträume hin wirklich hielt wie in einem ehernen Garantievertrag.
Erst jenseits dieser kosmischen Garantien tauchen dann die Menschen auf. Entwickelt in der Ruhe eines solchen Planeten, der jahrmilliardenlang ohne Stoß, ohne Katastrophe um seinen Sonnenschwerpunkt, seinen Vertragsmittelpunkt, jahraus jahrein friedlich kreiste. In gewissem Sinne selbständig, sind diese Menschen doch unlösbar gekettet an diesen oberen Zusammenhang. Mit ihrem Stern hängen sie in der großen Sternenbalance. Unablässig rollt die Erde sich mit ihnen um sich selbst, um die Sonne, mit dieser Sonne auf das Sternbild des Herkules los. Von überall her starren die Augen der anderen Oberwelten sie leuchtend an, wenn ihr Blick zum Himmel geht. Sie mögen für sich treiben, was sie wollen, diese Menschen da unten, kleine Götter spielen, gut sein oder schlecht; immer ist all ihr Spiel nur garantiert durch die Vertragstreue, die Harmonie, die Balancesicherheit derer da oben.
Und nun die alte Angst: wenn die dort einmal ihre Verträge brächen. Wenn Sterne gegeneinander liefen. Wenn unserer Erde kosmische Katastrophen drohten. Wenn diese heilige Himmelsruhe sich lockerte, sich löste. Das unerbittliche Schicksal der Logik, der Naturgesetzlichkeit würde auch hier den Schluß ziehen, ohne mit der Wimper seines schwarzen Rätselauges zu zucken. Seht ihr, wie der Himmel sich rötet. Ein Weltensturz kommt, eine Sternen-, eine Planetendämmerung. Ein kosmischer Störenfried bricht den uralten Erdvertrag. Weltbrand, und was seid ihr Menschen plötzlich da unten, mit müßt ihr in die Hölle, in den planetarischen Hochofen. Der Krieg der Götter ist entbrannt, und ihr müßt mit, der Held bei euch wie der Feigling, unerbittlich.
Andere Zeiten, andere Worte. Aber das gleiche Spiel, die gleiche Angst, das gleiche Mitleid bleibt mit den armen Menschen. Die Himmlischen inszenieren Troja und wir müssen brennen.
Eines ist aber doch nicht mehr gleich heute. Seit den Tagen Homers oder der Edda sind wir Menschen hier auf unserm irdischen Posten der großen Mysterienbühne unvergleichlich viel kühner, viel stolzer, viel selbstbewußter geworden.