In der Zwischenzeit liegt unsere eigentliche große Mündigerklärung zur technischen Erdherrschaft. Eine ganze Masse Dinge, die hier unten damals noch kleine Götter spielten, haben wir selber in die Hand genommen als gereifte, diesen Gewalten endgültig gewachsene Titanen. Poseidon wird in unserer Kultur ein derber Arbeiter, der Blitz muß unsere Apparate treiben. Wenn die Pest wütet, so zittern wir nicht mehr vor den Pfeilen Apollons, sondern wir wenden mit Erfolg Bakteriologie und Antiseptik an. Es ist auf dem Punkt, daß wir wirklich hier auf dieser Erdoberfläche mit dem, was hier noch an »Oberen« spukte, endgültig fertig werden. Prometheus siegt hier, wer kann daran nach den letzten Jahrhunderten der Technik noch zweifeln. Es ist eine heillose Arbeit gewesen und fordert noch eine heillose. Aber die entscheidende Wende ist überschritten. Es hat doch etwas wie ein Symbol (wenn es auch, das gehört zu den Resignationen des Lebens, im Moment der Lächerlichkeit ausgeliefert ist), daß der Fuß des Menschen sich jetzt auf den Pol setzt. Wenn das lenkbare Luftschiff darüber weg steuert, so wird auch die letzte Lächerlichkeit des »Objektteufels« vor der heiligen Stunde kapitulieren, wie immer.

Kleine Schlappen, die wir auf diesen Gebieten noch erleiden, zählen nicht. Gewiß: wir machen noch Dummheiten; wir bauen eine Stadt auf die Zuglinie sich verschiebender Landmassen und sie stürzt im Erdbeben ein; wir regulieren einen Strom nicht ausreichend und Paris steht unter Wasser. Das sind aber keine Weltuntergänge, sondern wir wissen eigentlich schon selber recht genau, worin wir es dabei versehen haben und wie es künftig besser zu machen wäre. Es ist alles eher als eine Utopie, daß wir zuletzt alle Ströme, die an Kulturstädten vorbeifließen, wirklich ausreichend regulieren werden, daß wir die besonders durch Erdbeben bedrohten Erdstellen abschätzen lernen und eventuell Häuser konstruieren werden, die auch einen derben Stoß aushalten.

Und noch um ein Schwereres ringen wir: das Raubtier Mensch zu zähmen in uns selber, Mensch mit Mensch uns zu vertragen (wir sind doch nun einmal die Brüder von der gleichen Schicht des großen Mysteriendramas), den heillos simpeln Gedanken uns endlich einzuprägen, den uns schon die ganze niedere Lebensentwicklung zuschreit, daß man sich besser liebt als frißt. Auch das geht noch durch seine Momente der Müdigkeit (die ethische Resignation kommt sooft wie die technische), aber durch bricht es doch zuletzt.

Was wir in all dieser heißen, inbrünstigen Arbeit brauchen, das ist bloß noch Zeit, noch Fortsetzung der Dinge bei uns, noch Folgen von Generationen, die weiter schaffen, wo wir die Axt sinken lassen. Der Einzelne: ja da muß auch manches resignieren; mindestens müssen wir ihn dem Geheimnis zuletzt überlassen. Aber das ist doch das immer wieder Befreiende, Erhebende, daß auch dieser Einzelne in seinen paar Lebensjahren immerzu in seinen besten Momenten in größeren Zusammenhängen der Menschheit wirken und gestalten darf, auf Dinge hin, die ihn überleben sollen, die fortleben sollen bei wieder jungen, wieder frischen, wieder neu blühenden Menschen. Ein Rächer soll aus unsern Knochen auferstehen, lautete das alte Wort; uns ist Rache nicht mehr so wichtig; wir erwarten einen Fortsetzer, einen Vollender, einen Benutzer unserer Arbeit.

Und doch sind wir Titanen der Erde machtlos gegen die da oben!

Wir haben ja angefangen, auch sie zu studieren, wie der kluge Odysseus anfängt, seine Götter etwas mit Schläue zu sondieren, zu diplomatisieren. Wir haben begonnen, die Sternverträge selber zu prüfen, die Balancen ängstlich durchzurechnen. Wir haben die Erde gewogen, ihre Schwungkraft gemessen, Sonnen- und Siriusweiten festgestellt, das himmlische Billardspiel der ganzen Planetenbahnen durchgeprobt auf seine Garantien. Aber eine unermeßliche Kluft trennt uns von jeder Möglichkeit, deshalb nun da oben selber mitzuspielen, selber einzugreifen.

Wenn sich da oben etwas verschiebt, das alle planetarischen Sicherheitsverträge zu bedrohen beginnt, so können wir's gerade zur Not kommen sehen: ändern aber können wir's nicht. Wenn die Erde in ihr Verderben rennt: wir haben keine Macht, sie zu hemmen.

Es gibt eine höchst amüsante, wenn auch wissenschaftlich nicht gerade sehr tiefe Geschichte von Jules Verne, in der drei Menschen in einer Bombe aus Aluminium zum Mond sausen; aus Langeweile gehen sie während der Fahrt die Rechnungen vom Observatorium zu Cambridge noch einmal durch, die ihnen die Ankunft auf dem Mond garantieren sollen, und dabei stellen sie einen Fehler fest, der alles umschmeißt und ihnen Rücksturz und Verderben bedeutet; angenehme Entdeckung, während sie schon fliegen! Aber ganz genau so fliegen wir alle längst durch den Raum, und wenn irgendeine schauerliche Rechnung uns heute beweisen sollte, daß ein fremder Weltkörper sich geradlinig auf uns los bewegt mit einer Bahnlage, die absolut notwendig zu einer entsetzlichen Katastrophe führen muß, so sitzen wir zugleich genau so hilflos eingeschlossen in unserem Gehäuse wie die Helden Jules Vernes und müssen wahllos in unser Verderben fliegen.

Unsere wissenschaftliche Phantasie kann sich dabei heute schon recht reinlich vorstellen, was geschehen müßte, wenn ein einigermaßen großer und schwerer Weltkörper auch nur ganz nahe an uns herankommen würde.

Durch die Anziehung müßte eine unglaublich hohe Springflut bei uns entstehen, deren doppelter Wasserberg mit der Erddrehung rasch um unsern ganzen Planeten wanderte, alles in einer katastrophalen Sintflut ersäufend. Gleichzeitig würden alle unsere Vulkane in tobenden Eruptionen ausbrechen, da die vom Druck jäh entlasteten Lavaherde und Dämpfe der Tiefe alle zugleich hochquellen müßten. Das Einströmen der Flutwasser in diese Feueressen aber müßte Explosionen erzeugen, bei denen weite Landgebiete wie Trümmer eines platzenden Dampfkessels in die Luft flögen; die berühmte Explosion des Krakatau von 1883 an der Sundastraße, bei der auch der Ozean in den ausbrechenden Krater geflossen zu sein scheint und eine Dampfsäule von fünfzig Kilometer Höhe entstand, in deren Gefolge längere Zeit Änderungen der gesamten Erdatmosphäre (abnorme Dämmerungsfarben durch Beimischung feiner Vulkanasche) eintraten, wäre ein harmloses Kinderspiel dagegen.