Bei noch weiter fortschreitender Entlastung würden aber allmählich auch die tieferen Massen des Erdinnern unruhig werden. Man nimmt heute ziemlich allgemein an, daß der eigentliche Sitz des Magmas, das in unseren Vulkanen aufquillt, noch nicht in sehr großer Tiefe der Erdrinde sei. Was noch tiefer liegt, das wird durch den wachsenden ungeheuerlichen Druck der auflastenden Massen normalerweise so gebändigt, daß es gar nicht mehr bis zu uns aufbegehren kann. Nach gangbarer Hypothese liegen der Temperatur nach eigentlich gasförmige Stoffe gegen den Erdkern zu infolge des Drucks in einem Stadium, das sehr nahe der äußeren Erscheinungsform des Flüssigen oder gar Festen kommt. Eine plötzliche Erregung dieser sonst heilsam gedeckten Innensubstanzen würde erst das wirklich Grauenhafteste auslösen.
Man kennt ja die Geschichte jener kleinen Fische, die in der Tiefsee unter einem beständigen Wasserdruck bis zu tausend Atmosphären leben; in ihrer Tiefe sind sie hübsch körperlich auf diesen Druck eingestellt; wenn man sie aber plötzlich im Netz an die Oberfläche bringt, platzen sie jämmerlich auseinander. Jener Inhalt des Erdkerns würde entlastet sich ebenfalls als titanischer Explosivstoff bewähren müssen. Mit unhemmbarer Gewalt würde er losbrechen, die Erde würde statt einfacher Vulkanausbrüche Protuberanzen entwickeln nach Art jener fürchterlichen roten Eruptionen von glühendem Wasserstoff und Calcium, die viele Tausende von Kilometern hoch über die Oberfläche der Sonne emporzuspritzen pflegen. Eine wirkliche Berührung der Erde mit jenem zweiten Weltkörper würde, abgesehen von der dabei entstehenden mechanischen Umsatzwärme, durch direktes Zertrümmern der schützenden Deckschale der Erde endlich eine Gesamtexplosion dieser Kernsubstanz mit ihrer so lange verhaltenen Energie hervorrufen, die für unsere irdischen Verhältnisse geradezu als Götterdämmerung bezeichnet werden könnte.
Schon ein geringer Teil dieser Ereignisse würde aber genügt haben, das dünne schillernde Schleimhäutchen von der Erdrinde fortzusterilisieren, das wir (mit Einschluß des Menschendaseins) Leben nennen. Dieses Häutchen, in mancherlei Gestalt von Schleimtröpfchen protoplasmatischer Art über eine geringe Schicht der Erdoberfläche lose verteilt, ist seinem innersten Wesen nach zwar seit alters ein wahrer Ahasver und Proteus zugleich an Zähigkeit, wenn man ihm Zeit läßt, sich gegen äußere Bedingungen langsam einzustellen und raffinierteste Anpassungen fertigzubekommen. Es ist aber ebenso schwach, wehrlos, hinschmelzend wie eine Qualle in der grellen Sonne, hinsprühend wie eine Hand voll Spreu in der Flamme gegenüber jeder katastrophalen Bedrohung.
Ein paar Stichflammen, wie jene schauerliche von Martinique, die in einem Moment über dreißigtausend Menschen vernichtete, durch die Kontinente rasend, würden das Land sofort veröden, eine auch nur momentane Erhöhung der Meerestemperatur auf Siedehitze die Ozeane. Als letzte Überlebende dürften noch Sporen von Milzbrandbakterien, die hundert Grad trockener Hitze aushalten, und gewisse Algenpflanzen der heißen Quellen des Yellowstoneparks in Nordamerika eine Weile ausdauern, binnen kurzem aber natürlich auch ohne Erfolg. Der Mensch mit heutiger Technik wäre jedenfalls längst vorausgegangen im Tode.
Unwillkürlich verweilt der Gedanke auf dem Antlitz dieser Menschheit bei sich nähernder Gewißheit eines solchen Endes.
Es wäre eine letzte, furchtbar ernste Probe auf unsere geistige Kraft, auf den letzten Stärkeschatz, der sich angesammelt im Verlauf dieses wunderbaren, unwahrscheinlichen Märchens, das wir als Entwickelung der Menschheit und Menschenintelligenz auf dieser Erde haben.
Noch einmal würden sie wohl beide in letzter Kraft erscheinen, die beiden Gestalten, die um diesen Menschen immer wieder gerungen haben in all den Jahrtausenden seiner Geschichte: das alte Raubtier, das mit allen Mitteln die Erdherrschaft an sich riß, das von dem alten Kannibalenhügel von Krapina, wo sie noch Neandertalmenschen geschlachtet haben, bis auf unsere Zeiten immer auf einer roten Spur von Blut durch diese Geschichte gewandelt ist; und das ewige Sonnenkind, das aus der anderen Tiefe der Natur, aus der schon der Paradiesvogel den Sinn nahm, spielend seine Hochzeitslaube mit bunten Federn und Beeren zu schmücken, die Kunst zog, das auf Denken und hingebende Forschung, auf Weltanschauung, auf Liebe und Ethik loswanderte, als die großen Neuländer, die mehr waren als alle noch so hoch gesteigerte Raubtierkraft.
Die Energie brutaler Rücksichtslosigkeit würde sich noch einmal ausleben wollen, fast glücklich, daß sie endlich noch einmal alle Fesseln brechen kann, mit denen sie wenigstens die Kritik des verfeinerten Menschentums heute überall eingeengt hat; wie eine kleine Explosion notdürftig gebändigter, unter den Kulturdruck gestellter Innengewalten und Urgewalten des Menschen selber würde das schon bei dem Gedanken an den Untergang entlastet vorbrechen, ehe noch jene zerstörende Entlastung des Planetenkerns der Erde begönne.
Aus einer andern wieder entlasteten Schicht würde über Tausende und Tausende von uns die Gedankenwelt sich noch einmal als zäher Lavastrom ausbreiten, wie sie in ihrem typischsten noch lebenden Beispiel Sven Hedin kürzlich so anschaulich aus den Klosterstädten Tibets geschildert hat: jene absolute Einstellung des ganzen wirklichen Lebens auf die Welt eines geglaubten anderen, nachkommenden. Der Glaube, der Menschen veranlaßt, viele Jahre ihres Lebens in einer bis auf einen schmalen Spalt zugemauerten Zelle freiwillig zu verbringen und tagaus tagein, ob nun die Sonne draußen scheint oder Wolken die Dinge verfinstern, den ganzen Inhalt dieses Lebens auf das ewig gleiche mechanische Drehen einer Gebetmühle zu verwenden, im felsenfesten Vertrauen, daß so eine bestimmte Suggestion auf dieses Jenseits ausgeübt werde!
Umgekehrt würde für diesen fieberhaften letzten Moment aber zweifellos auch noch einmal das wie eine wirkliche Lösung, ein wirklicher Trost hervorblühen, was dem armen, ringenden, blutenden Einzelmenschen so unzählige Male immer wieder schon in diesem Leben geholfen hat: der göttliche Leichtsinn des Menschen mit all seiner Grazie und Liebenswürdigkeit; der heilige Leichtsinn, der sich, wenn unten die Pest als Schnitter durch die Garben geht und uns alle mähen wird, in eine lustige Halle setzt und Boccacciosche Märchen erzählt, dem Tode einen goldenen Becher zutrinkt aus dem Wein, den sonst erst die Enkel haben sollten, und von der heißen Lippe des schönen Mädchens geküßt wird, von dem ihn sonst alle heiligen und profanen Wasser dieser Erde auf ewig hätten trennen müssen.